Bienenkunst

Pierre Huyghe (Documenta 13, 2012)

Bienen und Kunst“

Da denke ich vor allem an die kunstvollen Waben, an die sechseckigen, scheinbar mathematisch berechneten Zellen der Bienen, da denke ich aber auch an Künstler, die aus Wachs Kunstwerke gestalten oder an Imker, die Figurenbeuten und farbige Einflugbretter anfertigen.

Bienen als Künstler

Wie bauen Bienen die kunstvollen Wabenzellen?

Mittels Wachsplättchen aus den Wachsdrüsen formt die Arbeitsbiene die Zellen für den Nachwuchs, für Honig und Pollen. Binnen 24 Stunden kann ein Bienenvolk eine Wabe mit 5000 Zellen aufbauen. Die Wachsplättchen haben zunächst eine weiße Farbe, färben sich dann durch die Einlagerung der ölhaltigen Pollen schließlich gelb. Die Bienen konstruieren beim Bau allerdings nicht die sechseckige Zellenform für eine Wabe, sondern bilden weitgehend runde Zylinder. Die Form entsteht auf Grund eines physikalischen Vorgangs. Während sie Wachs herstellen, erwärmt sich das Wachs auf etwa 40 Grad Celsius. Dadurch wird es biegsam und aus dünnen, runden Wachsröhrchen bilden sich ganz von alleine regelmäßige Sechseckmuster.

Das lässt sich simulieren, indem runde Zylinder aus dünnem Wachs miteinander in Kontakt gebracht und erwärmt werden. Es entstehen dann die sechseckigen Zellen, die wir in der Bienenwabe finden. Die Honigbienen machen sich also physikalische Prinzipien zunutze.

Beim Bau von Waben können interessante Gebilde entstehen. Die Bienen arbeiten normalerweise von oben senkrecht nach unten. Diese Bauweise wird von den Imkern in der Regel durch rechteckige Kästen unterstützt. In der Natur aber bauen Bienen oft beliebige Formen. Sie bauen von unten nach oben, runde Waben in Strohkörben, wenn man sie lässt, und sie bauen Gänge und Hohlräume wie Ameisen und Termiten.

.
Sogenannter Wildbau in Körben und in einer Schale mit Entdeckelungswachs

Diesen Bautrieb nutzen Künstler, wenn sie Skulpturen in einen Bienenkasten stellen. Die Bienen kleben dann die Wachszellen an diese Objekte, so dass auf der vorgegebenen Grundlage des Künstlers ein neuartiges Gebilde entsteht, ein Gemeinschaftskunstwerk, an dem zwei Künstler beteiligt sind, der planende Künstler und die willkürlich anbauende Biene.

Mirko Baselga hat seinen Bienen Waben mit einem arabisch anmutenden Muster angeboten, das diese abgewandelt haben (aus „Beehave“).

Bärbel Rothhaar hat immer wieder Gesichtsmasken von Bienen bearbeiten lassen

Den Anstoß, mich mehr mit der sogenannten „Bienenkunst“ zu beschäftigen, erhielt ich, als ich in Basel die Ausstellung „Beehave“ besuchte, in der 24 Künstler zeigten, wie sie sich mit Honigbienen als Teil der Natur und der Gesellschaft künstlerisch auseinandergesetzt haben. Beehave meint eine Entwicklung von Bienen und ihr Leben in unterschiedlichen, von Menschen veränderten Landschaften (nicht zu verwechseln mit Beehive – Beute). Die Beschreibung der künstlerischen Ansätze sind im Internet nachzulesen: Beehave - Kunsthaus Baselland

Hier weitere Beispiele aus der Ausstellung:

Brigham Baker bietet seinem Bienenvolk Zuckerwasser an, das er vorher mit roter oder blauer Lebensmittelfarbe versehen hat – was dazu führt, dass seine Arbeiterbienen gefärbte Waben produzieren, die wie wunderschöne Glasfenster wirken.

Das folgende Bild ist ebenfalls von Brigham Baker. Bei der Vereinigung von zwei Völkern wird oft eine Zeitung zwischen die Zargen gelegt, um den Bienenvölkern eine allmähliche, friedliche Annäherung zu ermöglichen. Nimmt man das mit Lebensmittelfarbe gefärbte Blatt vor der gänzlichen Vernichtung heraus, dann erhält man interessante Formen, die man unter ästhetischem Blickwinkel als ein abstraktes Kunstwerk sehen kann, ein von Bienen und einem Künstler gestaltetes „Kunstwerk“!


Wer war hier der Künstler? Eine „Wabenkunstwerk“, das von einem Team aus Imker, Bienen und Ameisen hergestellt wurde.

Bienen sind keine Künstler, sie arbeiten bienenvolk- und umweltgerecht, sie passen sich in ihren Tätigkeiten an. Das gilt ähnlich für alle Tiere. Ein Künstler kann nur ein bewusstes Wesen sein, das eine Welt nach ästhetischen Maßstäben gestalten oder betrachten kann. Nur für ihn gibt es eine zweckfreie Schönheit. So kann der Mensch die Schönheit einer Biene erfassen oder ihre Produkte schön finden. Also jeder Imker, der sich für die Bienen begeistert und in seinem Umgang mit Bienen die Schönheit in der Natur entdeckt, hat den Blick eines Künstlers, die Voraussetzung für ein künstlerisches Schaffen.

Imker als Künstler

Vielleicht führte die Begeisterung eines Imkers und die ästhetisch orientierte Bewunderung für die schöne Natur dazu, dass Imker ihre Bienenwohnungen verschönerten, indem sie z.B. in der Krain und Kärnten die Bienenstirnbretter über den Flugöffnungen von Bienenstöcken bemalten.


Kärntner Bieneneinflugbrett aus Slowenien

Ihr praktischer Zweck war die leichtere Unterscheidung der Bienenstöcke sowohl für die Bienen als auch für den Imker. Als Motive dienten biblische Erzählungen, geschichtliche Ereignisse, Szenen aus dem Alltagsleben sowie satirische Darstellungen. Man glaubte auch an eine Schutzwirkung im religiösen Sinn.


Der hl. Ambrosius als Bannkorb für meine Bienen

Nach der Zeit der Zeidlerei, der Bienenhaltung in Bäumen, begann man Bienen in Klotzbeuten bodennah zu halten. Im 18. Jahrhundert wurden diese Baumteile beschnitzt zur Figurenbeute oder in Stroh geflochten zu Bannkörben (oft als Stülpkörbe bezeichnet). Die Motive waren Soldaten, Jäger und auch Heilige, die den Bienenstand beschützen sollten. Dieser Brauch entwickelte sich vor allem in Polen, der Slowakei, wo ich sie kennenlernte, und auch im Fichtelgebirge und im Nürnberger Reichswald. In Nürnberg gibt es heute noch eine Künstlerwerkstatt, in der große, dekorative Figurenbeuten hergestellt werden. (bienenimbauch.de und Zeidelmuseum Nürnberg/Feucht). Ein großer Nachteil der Figurenbeuten liegt darin, dass man die Waben bei der Ernte herausschneiden muss.

..
Bannkorb vom Niederrhein (Heinsberg) und Bannstöcke in Tschechien (Prerov, 1993)

Die Bienenwelt als künstlerisches Symbol

Der bekannteste „Bienen“- Künstler ist sicherlich Joseph Beuys, der Bienen, Honig und Wachs als Symbole für die menschliche Gesellschaft verwendet hat. Beuys will durch Hinweis auf ein Bienenvolk auf die Möglichkeit des Menschen verweisen, mit individuellen Kräften demokratisch zu einem gemeinschaftlichen Ergebnis zu kommen.

Besonders bekannt ist seine Installation „Honigpumpe am Arbeitsplatz“, die er 1977 auf der documenta vorstellte. Die Honigpumpe beförderte 150 kg Honig durch ein 173 m langes Schlauch- und Röhrensystem 18 m hoch durch ein Treppenhaus.

Mit der Honigpumpe drücke ich das Prinzip der Freien Internationalen Universität (ein permanentes Diskussionsforum) aus, im Blutkreislauf der Gesellschaft zu arbeiten. In das Herzorgan - dem stählernen Honigbehälter - hinein und aus ihm heraus fließen die Hauptarterien, durch die der Honig mit einem pulsierenden Ton aus dem Maschinenraum gepumpt wird... und zum Herzen zurückkehrt. Das ganze Gebilde wird erst vervollständigt durch die Menschen im Raum, um den die Honigarterie herumfließt und in welchem der Bienenkopf in den aufgerollten Schlauchwicklungen mit seinen eisernen Fühlern gefunden werden kann

Die anthropomorphen Interpretationen der Bienenwelt durch Rudolf Steiner und Beuys

Die Anthroposophie Rudolf Steiners (bes. die Vorlesungsreihe „Über die Bienen“ und die „Dreigliederung des sozialen Organismus“ sind wichtig für die beuyssche Vision vom „erweitertem Kunstbegriff“ und der „sozialen Plastik“....

Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, hielt 1923 eine Reihe von Vorträgen über das Wesen der Bienen. Seine Ausführungen standen in enger Beziehung zu seinen anderen natur- und menschenkundlichen Studien. Er verglich Prozesse im Bienenstock mit Prozessen im menschlichen Kopf, interpretierte das Schwarmgeschehen wie das Sterben eines Menschen und das Einziehen des Schwarms in eine neue Behausung als die Geburt des Biens. Den Wabenbau bezeichnete er als Skelett, vergleichbar den Knochen des Menschen. Die Königin beschrieb Steiner als Organ der inneren Einheit des Bienenvolks. Daraus zog er den Schluss, dass die mechanische Bienenhaltung, bei der neue Königinnen künstlich gezüchtet und nach Belieben in Völker eingesetzt werden, im Laufe von 60 bis 100 Jahren zu einer existenziellen Schwächung der Bienengesundheit und sogar dem Verschwinden der Bienen führen müsse.

Beuys sieht hinter den Bienen wie Steiner ein metaphysisches Konzept von Gegensätzen. Auf der einen Seite das Warme, Fließende,Amorphe und auf der anderen Seite das Kalte, eErstarrte und Geformte. Wie die Biene in ihrem Inneren das flüssige, warme Wachs in seiner ursprünglichen Ungeformtheit belässt, um es beim Ausscheiden in eine sechseckige Struktur der Waben zu transformieren, so gestaltet sich der Schaffensprozess auch bei Beuys. Der noch innerliche, warme, ungeformte Gedanke findet seine Entsprechung z.B. in dem Material eines Fettklumpen, der noch unbearbeitet und formlos in der Hand liegt. Durch Wärme wird das Fett oder das Wachs weich, formbar, und erkaltet zu einer geometrischen Figur. Wärme enthält das universelle Bewegungsprinzip; sie steht für die immerwährende Metamorphose des einen in das andere ohne großen Kraftaufwand. Wenn Beuys Wachs und Fett bearbeitet, überführt er das Material auf eine höhere Ebene, macht es zu einem Objekt in der Welt. Dieses Prinzip ist nach Beuys auf den Menschen übertragbar. Mit mehr Wärme wäre der Mensch in der Lage, die in ihm schlummernde schöpferische Kraft nach außen zu transportieren und eine Ordnung und Struktur zu erschaffen, in dem der Eine für Alle aufgeht und doch Alle für den Einen da sind. ….

1977 schuf er aus Wachs und Talg einen Keil (Gesamtlänge: 955 cm, Höhe: 195 cm, Breite: 306 cm), den er dann in sechs 20 Tonnen schwere Blöcken zerschneiden ließ (»Unschlitt/Tallow«, Wärmeskulptur auf Zeit hin angelegt), die er in Münster ausstellte.

In der Ausstellung in Basel finde ich drei Bienenfiguren von Beuys, neben denen ein hölzernes Essbesteck liegt. Die Installation stammt von der documenta in Kassel 1964. Dazu sagte Beuys: «Ich würde den Betrachter praktisch die Plastik essen lassen, im Essen dieser Plastik würde er vielleicht etwas erleben, was in diesen Dingen enthalten ist.»

Beuys sah sich als ein Schamane, dem sich die Mysterien der Natur zeigten und dessen spirituellen Kräfte er dem Menschen zugänglichen machen musste. Sein „erweiterter Kunstbegriff“, der in der „soziale Plastik“ münden soll, war ein normatives Programm zur völligen Umwandlung der Gesellschaft auf Basis der Kunst. (s.„Einführung in die Kunst von Joseph Beuys und Joel-Peter Witkin“)

Kurz nach der Veröffentlichung meines Artikels zur Bienenkunst erhielt ich eine Mail, in der eine Imkerin, ihren Unwillen äußerte: „Womit ich allerdings Probleme habe ist der Beitrag, ein buntes, zugegebener Maßen sehr schönes Wabenfenster aufgrund einer Fütterung durch gefärbtes Zuckerwasser herzustellen. Wenn ich mir vorstelle, durch und durch gefärbte Nahrung Bienen als Futter anzubieten, Farbstoffe durch ihren Körper zu schicken damit sie ihre Vorräte damit produzieren, die ich nachher als Kunst bezeichne, das finde ich leider etwas pervers. Das ist respektlos und unethisch diesen Wesen gegenüber.“ Diese Mail war für mich Anlass, mich nochmal mit dem Aspekt der Ethik in der Kunst und im Umgang mit Bienen zu beschäftigen.

Die durch Lebensmittelfarben eingefärbten Kunstwaben kann man sicher kritisch sehen, wie überhaupt die Benutzung von Natur und Leben durch Künstler und Wissenschaftler.

Als Hinweis auf ein Kunstobjekt der Bienen hier eine „natürliche“ bunte Pollenwabe, die entsteht durch den Bienenbesuch unterschiedlicher Blüten und das Einsammeln von Pollen in den Wabenzellen.

Pollenwabe:ein ästhetisches Naturprodukt ohne Manipulation durch den Menschen

Blake Little und seine Honigskulpturen

Ein extremes Beispiel aus dem Bereich sogenannter „Bienenkunst“

Ein sehr grenzwertiges Kunstbeispiel ist die Benutzung von Honig in den Aktionen von

Blake Little, ein seit 1982 in Los Angeles ansässiger Unterhaltungs-, Werbe- und Kunstfotograf.

Blake benutzt Honig rein oberflächlich-dekorativ und ohne tiefere Überlegungen, nicht wie Beuys, s. Naturethik – Wikipedia

der den Honig als Symbol für den Kreislauf in einer demokratischen Gemeinschaft reflektiert, womit er dem Betrachter die Zusammenhänge einer Demokratie bewusst machen will. Blake hingegen benutzt bei seiner Aktion Preservation“ für Aktfotografien 900 Eimer Honig, die er über seine Modelle schüttet. Das kann man wohl als die Vernichtung eines wertvollen Lebensmittels ansehen. (Klebrige Aktfotografie: Honig-Skulpturen von Blake Little – KlonBlog – bei Youtube mehrere Videos))

Da stellt sich die Frage nach den Grenzen von Kunst und der Freiheit der Kunst. Aber Tabus scheint es in der Kunst kaum zu geben. Wenn man Beispiele nimmt wie ein „Sarkophag aus Tausenden toter Mistkäferflügeln“ von Jan Fabre oder konservierte „Tigerhaie“ von Damien Hirst, dann stellen solche Kunstwerke einen Missbrauch der künstlerischen Freiheit dar, besonders unter dem Gesichtspunkt des rasanten Artensterbens in heutiger Zeit. Die freie künstlerische Nutzung von Natur schließt oft ihre Vernichtung nicht aus. Gerade durch solche Tabubrüche werden Künstler bekannt und machen sich innerhalb des Kunstmarktes einen Namen.


Foto-Honigskulptur von Blake Little

 

Historische Abbildungen der Imkerei und Darstellungen der Biene (s. im Internet: Neuenhofer „Mein Leben mit Bienen“)

.
Steinzeitliche Höhlenzeichnungen mit Honigsammlern in Pachmarhi (Indien) und in Spanien

Bienen in literarischen Texten

Das Buch Das Lied vom Honig: Eine Kulturgeschichte der Biene von Ralph Dutli enthält eine umfassende, ausgezeichnete Gedichtsammlung quer durch die europäische Literatur von der Antike bis in die Gegenwart.

Die Biene habe eine doppelte Biographie in den Texten, sagt Ralph Dutli, eine fromme und auch eine erotische. Entsprechend schreibt die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830-1886):

Fame is a bee.
It has a song
It has a sting
Ah, too, it has a wing.

Unglaublich, wofür Bienen gut sind. Sie eignen sich als Darstellerinnen für Mythen, für das Märchen, für die Satire und für Comics. Immer wird sie als Symbol benutzt.

Am bekanntesten ist wohl die verfälschte Bienenmärchenwelt in Bonsels‘ Biene Maja durch Buch und TV. Eine Biene, die sich erst mal austoben muss, ehe sie geläutert und welterfahren nach Hause zurückkehrt, um ihr Volk in den siegreichen Kampf gegen die bösen Hornissen anzuführen.

„Oh, wie tausendmal schöner ist es in der großen Welt draußen als in der dunklen Bienenstadt. Niemals werde ich nach dort zurückkehren, um Honig zu tragen oder Wachs zu bereiten. (…) Ich will die blühende Welt sehen und kennenlernen, ich bin nicht, wie die anderen Bienen sind, mein Herz ist für Freude und Überraschungen, für Erlebnisse und Abenteuer bestimmt.“

Die amerikanische Dichterin Sylvia Plath sah die Bienen als weibliche Wesen, gefangen in Vorratshaltung und Zukunftsvorsorge und gleichzeitig süchtig nach Sonne, nach Frühling.

Alle Bienen sind Frauen, die Dienstmägde und die große royale Dame. Männer haben sie abgeschafft, die stumpfen, plumpen Stolperer, diese Tölpel....

Emily Dickinson erträumt sich im Bienenflug einen Weg in die Freiheit, wenn auch mit kritischer Schlusspointe:

Wär ich nur endlos unterwegs
So wie im Gras die Biene
Und mich besuchte keiner
.

Ich sagte "Einfach Biene sein"
aus einem Floß aus Luft
Taglang im Nirgendwo zu rudern
Zu ankern "weit vom Schuss"

O Freiheit! Glauben die Gefangenen
In enger Kerkergruft