Eine Asien-Reise voller Überraschungen, die mehr Fragen aufwirft und mich mehr beschäftigt als jede andere

I. Peking/Beijing

Im 13. Jahrhundert zum ersten Mal die Hauptstadt Chinas. Politischer Mittelpunkt. Regierungsunmittelbar. So groß wie Schleswig-Holstein. 11 Mill Einwohner. Eisen- und Stahlproduktion, Petrochemie, Kohleverarbeitung, Maschinenbau. Obwohl sich China über 4 Längengrade erstreckt, gilt im ganzen Land nur die Pekinger Uhrzeit.

"Kulturschock", Der Himmelstempel, Die Verbotene Stadt, Modelle der Welt, Alltagsbilder, Die Große Mauer

1. "Kulturschock"

Flughafen Peking, eine riesige Halle ohne jeden Schmuck . Die Stadt grau , ohne Grün , viele Busse und Autos . Die Busse in leuchtenden Farben , gelb - grün . Die Taxis in gedämpftem Rot. Die Straßen neu, breit. Grauer Asphalt und grauer Himmel. Überall Baustellen, auf denen Tag und Nacht gebaut wird. Planierraupen, Baugruben , halb abgerissene Häuser. Hochhäuser dominieren. Futuristische Silhouetten. Die Skyline ist überraschend vielfältig. Ein Paradies für Architekten. Glaspaläste in Grau, Grün und Silber. Wo sind wir? Ein glitzerndes, kapitalistisches Utopia ohne die erwarteten Massen von Fahrradfahrern, ohne die wimmelnde Menge blau gekleideter "Ameisen", ohne die erwarteten kommunistischen Spruchbänder und roten Fahnen.

In der chinesischen Tradition ist der Einklang mit der Natur eine Bedingung für Glück und Wohlbefinden. "Bewirke die Harmonie der Mitte, und Himmel und Erde kommen an ihren rechten Platz, und alle Dinge gedeihen", heißt es bei Konfuzius. Hier werden die Bäume, die mit Samen und Pollen die Stadt verschmutzen, gefällt, erklärt unsere Reisebegleiterin. Wir denken an Maos Aktionen gegen Moskitos und Spatzen, die dazu führten, dass alles Grün und alle Singvögel beseitigt wurden. Die Geomantik des Fengshui wird im Peking des 20. und 21. Jahrhunderts nicht beachtet.Hier wirken die Menschen grau, schwarz, weiß. Kein Nicken. Kein Lachen. Beschäftigt, geschäftig, ablehnend.

Die Bank von China und ausländische Firmennamen beherrschen den chinesischen Himmel. Keine Parolen, kein Maobild. Wir stoßen auf die ersten Widersprüche zur kommunistischen Staatsideologie. Hoch am Himmel steht das Zeichen von Mc Donald´s, rot leuchtet Coca-Cola, immer wieder Reklame für weltbekannte Konzerne. Werbung in riesigen roten chinesischen Zeichen. Wie war das doch mit der kritischen Ablehnung des amerikanischen Einflusses ?

Unser Chinabild ist total veraltet. "Es ist ehrenvoll, reich und wohlhabend zu sein", hat Chinas kommunistischer Führer Deng Xiaoping verkündet und sein Nachfolger Jiang Zemin, "China befindet sich im Anfangsstadium des Sozialismus". Damit rechtfertigt er die entstandenen frühkapitalistischen Zustände, die Ausbeutung der ländlichen Wanderarbeiter, die entstandene Kluft zwischen Reichen und Armen, die Entlassung von zigtausenden von Arbeitern und das Fehlen eines sozialen Netzes. Die KP Chinas beklagt 1996 in einem Beschluss des ZK`s den Kult des Geldes, die Vergnügungssucht und den Individualismus, den feudalistischen Aberglauben, die Pornographie, Drogensucht und Glücksspiele, imitierte Waren, Betrug und Korruption und setzt dagegen die Notwendigkeit der ideologischen Erziehung zum Sozialismus und Patriotismus. Was wir auf unseren Fahrten sehen, sind riesige Reklametafeln an den Straßenrändern, die vor allem für deutsche, japanische und taiwanesische Produkte werben.
In der Innenstadt sehen wir die Menschen. Die neuen Menschen, die Mao schaffen wollte? Auch die Menschen wirken grau, in der Kleidung und in der Ausstrahlung. Kein Nicken. Kein Lachen. Beschäftigt, geschäftig, ablehnend. In den U-Bahnen lernen wir die neue Generation der Chinesen kennen. Verschlossen und unnahbar wie in europäischen Verkehrsmitteln. Kein Jugendlicher steht für einen anderen von seinem Sitzplatz auf. Den Chinesen scheint im Alltag jede Rücksichtnahme zu fehlen. Die Lehren des Konfuzius, Achtung des Älteren und Rücksichtnahme, wurden ihnen von Mao Zedong ausgetrieben, und eine kommunistisch-sozialistische Moral ist wohl durch die Ellbogenmethoden der neuen Marktwirtschaft und durch den Egoismus der Einzelkind-Generation in Vergessenheit geraten.

Unsere Reisegruppe: 16 Personen, meist Ältere, zurückhaltend, problemlos.

Unsere örtliche Führerin Yang Ling: klein, jung, spontan, redefreudig. Sie redet, was ihr einfällt.

Unsere deutsche Reisebegleiterin: Groß, hager, knochig im Körperbau, schmale , große Nase , große Augen und blonde Haare. Das Gegenteil eines Chinesen. Auf Chinesen muss sie sehr exotisch wirken. Selbstbewusst , bestimmend, freundlich, kommunikativ, intellektuell. Sie hat zwei Jahre Betriebswirtschaft in Nanking studiert, spricht gut chinesisch und möchte wie die Chinesen viel Geld verdienen.

Das Hotel: neu, gepflegt, luxuriös. Ein typisches Beispiel für alle anderen Touristenhotels in China.

 

2. Der Himmelstempel, Tiantan Si

 

Der erste Tempel, den wir besichtigen, zeigt uns in seiner Anlage bereits die Grundmuster aller chinesischen Tempel. Er liegt im Süden Beijings in einem großen Park. Die Gebäude liegen auf einer Nord-Süd-Achse. Der Grundriss der Anlage gibt ein Bild von Himmel und Erde wieder, indem die eckigen Mauern im Süden sich im Norden zu einem Kreisbogen verändern. Der Umriss zeigt, wie das Quadrat der Erde von dem Himmelsbogen überspannt wird. Die blau glasierten Dachziegel und die Wolkenmotive an den Balustraden, die kreisförmigen "himmlischen" Gebäude, die von viereckigen "erdhaften" Mauern umgeben sind, und die ungeraden "himmlischen" Zahlen verstärken das Bild des chinesischen Kosmos.

Eine besondere Bedeutung kommt der Zahl Neun zu, die in der Aussprache auch "Ewigkeit" bedeutet. Zum Himmelsaltar, auf dem der Kaiser zur Wintersonnenwende dem Himmel Speiseopfer für eine gute Ernte darbrachte, führen dreimal neun Stufen hinauf. Die unterste Terrasse symbolisiert die Erde, die mittlere die Welt der Sterblichen und die oberste den Himmel. Auch die Anzahl der im Kreis verlegten Pflastersteine und der Marmorsäulen ergibt ein Vielfaches der Zahl neun. Über die zentrale Nord-Süd-Achse gelangen wir zu der riesigen Halle der Ernteopfer, in der die vier zentralen Säulen die 4 Jahreszeiten, ein Ring von 12 Säulen die 12 Monate und ein weiterer Ring die 12 Doppelstunden symbolisieren. Die Halle des kaiserlichen Friedens bildet den Abschluss der Nord-Süd-Achse. In dieser Anlage wird uns auch die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen vor Augen geführt, da in einigen Hallen nur schmale Holztafeln mit wenigen Schriftzeichen aufgestellt sind.

Vor den Ahnentafeln gläserne Geldkisten wie in Myanmar. Eine große Menschenmenge strömt an den Tempeln vorbei. Vor der Anlage zwei alte Männer, die ihre Vogelkäfige mitgebracht haben.

 

3. Der Wertekosmos in der "Verbotenen Stadt"

Die für uns ungewohnte Bedeutung der Symbolik in allen repräsentativen Bauten finden wir in noch stärkerem Maße in der "verbotenen Stadt". Diese Anlage der kaiserlichen Stadt ist eine Darstellung des Mittelpunkts der Welt und des Anspruchs des Kaisers , des Himmelssohnes, auf Weltherrschaft. Eine symmetrische Anlage mit Nord-Süd und West-Ost Achse . Der Kaiser blickte von seinem Thron in den Süden seines Reiches. Die Tore und Hallen liegen immer quer zur Hauptachse .

Auf dem Weg vom palastartigen Südtor über die Hauptachse sind wir umgeben von symbolischen Hinweisen auf die konfuzianischen Wertvorstellungen. Zunächst überqueren wir den Goldwasserfluss mit seinen 5 Brücken, die auf die 5 konfuzianischen Tugenden Menschlichkeit, Aufrichtigkeit, Gemessenheit, Weisheit und Zuverlässigkeit hinweisen. Zwei große Bronzelöwen symbolisieren die kaiserliche Idealvorstellung: Einheit des Reiches durch einen Ball in den Tatzen des männlichen Löwen, und gutes Gedeihen durch ein Kind bei der Löwin. Auf den Idealzustand der Harmonie in der konfuzianischen Gesellschaft weisen das Tor und die folgenden 3 Gebäude hin, die die Namen "Tor der höchsten Harmonie", "Halle der höchsten Harmonie", "Halle der vollkommenen Harmonie" und "Halle zur Erhaltung der Harmonie" tragen.

Die auf einer dreistufigen Terrasse liegende Halle der höchsten Harmonie setzt als Thronhalle Maßstäbe. Keiner durfte höher bauen, keiner mehr als 11 Joche und 11 Dachfiguren haben.

Die Dachfiguren sind hintereinander sitzende Fabelwesen aus Keramik, die von einem Reiter auf einer Henne angeführt werden. Mit dem Reiter soll ein Prinz lächerlich gemacht werden, den man an einer Dachrinne aufgeknüpft hat, weil er seine Untertanen im Krieg im Stich ließ. Den Abschluss der Prozession bildet ein gehörnter Drache. Dazwischen sitzen die "Kinder des Drachen", Phönix, Löwe, Einhorn und Himmelspferd.

Auf dem Vorplatz stehen noch weitere Symbole: 18 Räuchergefäße für die 18 Provinzen; eine Sonnenuhr und ein Kornmaß zeigen den Kaiser als Herrn des Kalenders und der Ernte an; Bronzeskulpturen von Kranichen und Schildkröten beschwören als Symbole des langen Lebens die Unvergänglichkeit des Kaiserreichs. In Malereien und Reliefs werden immer wieder spielende Drachen als Symbole der kaiserlichen Macht und der männlichen Kraft zwischen Wolken und Bergen gezeigt. Die Farbe der kaiserlichen Dächer ist Goldgelb. Farbige Dachpfannen waren ein Privileg, das vom Kaisers verliehen wurde.

Wie bei der Anzahl der Räume so wurde auch bei der Anzahl der Bäume auf eine symbolische Zahl Wert gelegt, 9999 sollten es jeweils sein. Allerdings finden wir nur im hinteren Wohnbereich einige Bäume, natürlich in symbolischer Form, uralte Zypressen in Vereinigungs- und in Trennungsstellungen. Erinnerung an Bonsai in Groß. Dieser Garten ist ein Gegenpol zu der etwas sterilen geometrischen Gesamtanlage, in der das Prinzip Wiederholung dominiert. Aber auch hier dominiert eine Künstlichkeit, die in den auf Marmorsockeln präsentierten, bizarren Felsbrocken und in den in Kieselmosaik dargestellten Glücksbringern zum Ausdruck kommt.

Zwischen diesem Garten und den Hallen der Harmonie liegen hintereinander aufgereiht die eher privaten Gemächer von Kaiser und Kaiserin. Durch das Tor der Himmlischen Reinheit kommen wir zu dem auf einer erhöhten Terrasse liegenden "Palast der Himmlischen Reinheit", der "Halle der Berührung von Himmel und Erde" und dem "Palast der Irdischen Ruhe". Die Kaiserin symbolisiert die Erde und die rezeptive Kraft des Yin und der Kaiser den Himmel und die aktive Kraft des Yang. Zwischen den Hallen graue, gepflasterte Flächen. Nirgendwo kommt wegen der starren Formgebung eine angenehme Atmosphäre auf. Der riesige Palastbezirk wirkt in allen Bereichen repräsentativ und monumental. Schrecklich zum Wohnen, noch schrecklicher durch die strengen Hofregeln – Minister und Eunuchen durften sich dem Kaiser nur auf den Knien nähern - und die Menschenmassen - , 34 000 Menschen versorgten den Kaiser, 9 000 Damen – der Himmelssohn hatte bis zu 3 Gemahlinnen und bis zu 30 Konkubinen -, 20 000 Eunuchen und 5 000 Wachsoldaten.
Interessant ist, dass es im Wohnpalast auch einen Tempel für die Palastgeister und daoistischen Schutzgötter gab. Es fehlten hingegen Kanalisation, Bäder und Toiletten.

Vor dem Tor zur verbotenen Stadt steht auf einem riesigen Platz, dem Tianamen Ti , das Mao-Mausoleum und verstellt den Blick des Kaisers in den Süden des Reiches. Jetzt schauen die Augen Maos in den Süden und hin zu einem Obelisk mit den Schriftzeichen des Mao- Zitats " Die Helden des Volkes sind unsterblich ". Revolutionärer Protest gegen die Tradition. Die Herrschaftsarchitektur des Kaisers wird von den Kommunisten aufgegriffen. Hier finden wir zum ersten Mal ein für uns vertrautes Bild des kommunistischen China. Neben den Fotografen und Touristen halten sich hier viele Soldaten auf. Als ein Kuriosum erscheint uns das Bemühen einiger Männergruppen, den Platz mit Hilfe von Zahnbürsten von Kaugummiresten zu reinigen. Eine soziale Strafe oder ein Bekenntnis zu Mao?

 

4. Philosophisch-mythologische Modelle der Welt
Die Bedingungen für Harmonie und Glück werden meist in größeren Zusammenhängen gesehen.

-Fengshui ( wörtlich "Wind – Wasser" oder Geomantik ) Die Lehre von den Energieströmen, die Natur und Mensch durchziehen als Drachenadern bzw. Meridiane. Eine Störung der Ströme stört die kosmische Energie und führt zu Naturkatastrophen bzw. zu Krankheiten und Armut. Fengshui soll z.B. beim Hausbau, bei der Einrichtung eines Zimmers, beim Garten, beim Zusammenstecken von Blumen beachtet werden. Die Ausrichtung der Häuser soll nach Süden gehen, weil das Böse stets aus dem Norden komme. Das Bett soll möglichst nicht unter einer Dachschrägen oder einem Balken stehen, auf keinem Fall in einem rechten Winkel zur Schräge. Negative Ströme müssen umgeleitet und positive Ströme aufgehalten werden. Beim menschlichen Körper geschieht das durch Setzung von Akupunkturnadeln.

-Yin und Yang. Schwarz-weiß-Symbol zweier, sich ineinander windender Fische. Die Lehre von zwei gegensätzlichen Energien, die in fast allen Lebensbereichen angewendet wird. Yin, "Die Schattenseite eines Berges" wird assoziiert mit Dunkelheit, Wasser, gerade Zahl, Weichheit, Mond und Weiblichkeit. Yang, "Die Sonnenseite eines Berges", wird assoziiert mit Licht, Steinfelsen, ungerade Zahl, Sonne, Härte und Männlichkeit. Erst die vollkommene Ausgewogenheit der beiden Kräfte führt zur Harmonie.

-Lehre vom qi. Der naturphilosophische Begriff hat mehrere Bedeutungen: Ausstrahlung bestimmter Materie, Materie-Energie, flüchtige Flüssigkeit, Äther u.ä. Alle Lebewesen besitzen das qi in verschiedener Weise, z. B. das qi des Blutes, Wichtig für die Gesundheit und ein langes Leben ist die richtige Zirkulation des qi, die durch Akupunktur zu beeinflussen ist. Ebenfalls gibt es ein Gruppen-qi, das nach der Vorstellung der Chinesen wie ein Energiefeld über den Köpfen der Gruppe schwebt, oder das qi der Natur, das im "Atem" oder Wind verschiedenartige Geräusche entstehen läßt.

-Lehre von den fünf Elementen Metall, Erde, Wasser, Holz und Feuer, die mit Himmelsrichtungen, Jahreszeiten, Farben, Tieren, Planeten, Gerüchen und Geschmacksarten, inneren Organen, seelischen Stimmungen u.a. Kategorien in Beziehung gesetzt werden, was in ausführlichen Tabellen zusammengestellt worden ist.

-Trigramme. Acht Symbole aus je drei durchgehenden oder durchbrochenen Linien in verschiedener Kombination, die die acht Bausteine des Universums darstellen ( Himmel, See, Feuer, Donner, Wind, Wasser, Berg und Erde ). Sie werden oft in Kreisform angeordnet auf Amuletten und zur Dekoration benutzt.

 

5. Erste Alltagsbilder

In den Parks sehen wir immer wieder Großeltern mit Einzelkindern, selten mehrere spielende Kinder. Die chinesische Familie darf nur auf Antrag ein Kind haben. Ein zweites hat böse Folgen für die Eltern, das Kind und das soziale Umfeld. Geldstrafen für Eltern und Verantwortliche in der Firma und der Kommune, Arbeitsplatzverlust, Verlust des Anbaufeldes und Nachteile bei der schulischen und beruflichen Entwicklung des Kindes.

Auf den Kinderspielplätzen spielen mehr ältere Menschen als Kinder. Dort stehen Tische für Brettspiele, Tischtennisplatten und Turngeräte. In den Parks, aber auch an freien Plätzen unter Autostraßen oder neben Kaufhäusern treiben Chinesen Gymnastik oder tanzen zur Musik. Diese öffentlichen Aktivitäten sind für uns völlig ungewöhnlich.

Die meditativen Tai Chi-Übungen kennen wir aus Fernsehberichten. Unsere Reisebegleiterin erklärt: die Bewegungen der Arme beschreiben die Teilung eines Apfels. Zuerst wird der Umriß eines Apfels gezeigt, dann die Mitte. Die Stücke werden nach rechts und links verteilt und die Einladung beendet. Einige gehen seitwärts vor und zurück, bleiben stehen, halten minutenlang die Arme vorgestreckt, lassen die Knie und das Gesäß durchhängen.

Abends gehen wir in ein Spezialrestaurant und essen Pekingente. Es ist die zweite große Enttäuschung der chinesischen Küche. Am Nachmittag hatten wir bereits eine Trockennudelpackung, in die heißes Wasser geschüttet wird, mit Widerwillen gegessen. Das dazu gekaufte "Brötchen" war süß und pappig. Wir geben es einer alten Frau, die Essenreste sammelt. Die Spezialität Pekingente hat in China –wir probieren sie später im Süden noch einmal- mit der europäischen Variante keine Ähnlichkeit. Die knusprige Haut ist ungewürzt und das Fleisch besteht fast nur aus Fett. Die Ente bereitet uns Übelkeit und Sodbrennen. Wie wir später erfahren, lieben die Chinesen reines Fett vom Schwein über alles. Nicht nur das weiße Brot schmeckt süßlich, sondern auch Wurst und Schinken. Als Bioköstler können wir uns da nur noch schütteln.

 

6. Die Große Mauer, ein weiterer Ausdruck des Größenwahns

Am 3. Tag besichtigen wir die große chinesische Mauer. Es ist ein Tag der Treppen und 1000 Menschen. Von der 5000 km langen Mauer, die Chinesen sagen "10 000 Li lange Mauer", sehen wir das restaurierte Stück bei Badaling, 1 1/2 Stunden nördlich von Beijing. Insgesamt umfasst sie 50 000 Streckenkilometer, da manche Teilstücke parallel verlaufen. Alle fahren dorthin, denn nur der ist ein Mensch, der die Mauer gesehen hat, wie Mao gesagt haben soll. Riesige Parkplätze, zwei Seilbahnen, 1000 Verkaufsbuden, auch Mongolen mit Pferden und einem Kamel warten auf die Touristen. Schwarze Menschenmassen schieben sich die Mauer aufwärts. Wir wählen die weniger begangene linke Seite. 1000 Stufen, steil, immer steiler, bis 70%, geht es hoch und wieder runter. 7-16 m hoch und 7-10 m breit mit Zinnen und Wehrtürmen. Wir staunen: etwas Unsinnigeres als diese Mauer, bergauf, bergab, haben wir noch nicht gesehen. Dafür wurden 1-2 Millionen Arbeiter abgestellt. Von 565 v. Chr. bis ins 16. Jahrhundert wurde an ihr gebaut. Unter den Mandschu-Kaisern lag sie dann mitten im chinesischen Reich.

Danach besichtigen wir den kaiserlichen Sommerpalast, der 9 km nördlich von Beijing auf einer großen Halbinsel im Garten der Harmonischen Einheit liegt, und gehen zu einer Aufführung der Peking-Oper.

Den größten Tempel des tibetischen Buddhismus, der auch den Namen Palast der Harmonie und des Friedens trägt, besuchen wir am nächsten Tag, ebenfalls den Konfuziustempel.

Dann erwartet uns der größte Bahnhof Asiens zu einer 13 stündigen Nachtfahrt in das Zentrum Chinas nach Xian. Erwähnenswert ist, dass die Reisenden erst nach Eintreffen des Zuges auf den Bahnsteig gelassen werden und nur im reservierten Wagen nach einer Fahrkartenkontrolle einsteigen können, da alle Durchgangstüren erst nach der Abfahrt aufgeschlossen werden. Im Zug bekommt jeder anstelle des Billetts einen Plastikchip, der am Ende der Reise wieder zurückgetauscht wird. Beim Verlassen des Bahnhofs wird dann das Billett wieder eingesammelt. Warum diese vielfachen Kontrollen? Das Schlafabteil mit 6 Betten ist zum Gang hin offen. Eine Sitzhöhe hat nur das untere Bett. Bis um 22 Uhr das Licht ausgeht, essen wir unsere mitgenommenen Kekse, Bananen und den Joghurt. Die Chinesen füllen ihre Teegläser und Nudelsuppen mit heißem Wasser, das in jedem Wagen zur Verfügung steht, auf. Ohne wesentliche Störungen durch Schnarcher und feiernde Gruppen schlafen wir nach so viel Beschwörungen der Harmonie die Nacht harmonisch durch und wachen erst in Xian auf.


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