8. Bekanntschaft mit den Dämonen im Nubratal

Khardung-La, 5602 m, der Pass ins Nubra Tal, das grüne oder verbotene Tal, seit 1994 mit Sondererlaubnis zu bereisen

Während der Fahrt ins Nubra Tal begleitet uns Thupstan, ein Mönch aus dem Kloster Sankar, weil unser bisheriger Führer sich plötzlich um seine Schule kümmern muss. In Wirklichkeit scheint er klostermüde geworden zu sein, zumal er uns nichts Neues zu den Besichtigungsobjekten zu erzählen wusste.
Bei strahlendem Sonnenschein fahren wir über die höchste Passstraße der Welt, 5600 m hoch. Auf dem Weg über die Berge befinden sich auch zwei Militärkonvois, die eine große Kanone mit sich führen, um sie an der Grenze nach Pakistan in Stellung zu bringen. Das Nubratal ist eine grüne, fruchtbare Oase an den Ufern der Flüsse Shayok und Nubra. Unser erstes Camp Lharimo north liegt zwischen Aprikosen- und Apfelbäumen, Pappeln und Weidenbäumen zwischen Getreide-, Kartoffeln- und Erbsenfeldern, fernab aller Auto- und Lärmdämonen. Ein Luxuscamp mit großem Esszelt und Sitzgruppen unter einem hundertjährigen Apfelbaum. Im Halbdunkel erzählen wir einem deutschen Reisenden von unseren Himalayatouren und von einem Reiseleiter in Bhutan. Es stellt sich heraus, dieser Mensch ist der Reiseleiter, den wir auf unserer Wanderung zum Taktsang getroffen haben. Er ist wieder mit einer Gruppe aus der Schweiz unterwegs.
Der erste Ort heißt Sumur. Im nahe gelegenen Kloster Samstaling zeigt sich der Vorteil mit einem Mönch unterwegs zu sein. Unser stiller Mönch mit den ernsten Augen kennt hier einige Studiengenossen aus seiner Studienzeit an der tibetischen Klosteruniversität in Bangalore - Südindien. Nach der Besichtigung der Gebetsräume werden wir zu einem Buttertee in die Küche eingeladen und sitzen im Kreis von sieben Mönchen auf einem Brett auf dem Boden. Da dieses Kloster den strengen Regeln von Ridzong unterworfen ist, dürfen die Mönche ab 12 Uhr keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, aber Buttertee, die salzige Fettsuppe mit Tee ist erlaubt.
Im Ort zeigt sich das Schutzbedürfnis der Bewohner. An allen Häusern schützen rot gestrichene Steine, Geisterfallen, Schädel und Gehörn vor bösen Dämonen. Die größte Gefahr droht wohl von dem Wasser. Deshalb hat auch der Wassergott seine Wohnung im Dorftempel. In eigenartigem Kontrast zu der paradiesischen Umwelt des Dorfes steht die weiße, reine Sandwüste, die nur wenige Kilometer vor dem Dorf beginnt. Keine Schutzvorrichtungen gegen die militärischen Gefahren sehen wir. Am nächsten Morgen dröhnen einige Hubschrauber durchs Tal. Wieder erweist sich das Naturparadies als trügerische Idylle.


Soldatenlager

Panamik, ein Dorf mit heißen Schwefelquellen

Heute bringt unser rot gekleideter Führer uns zu heißen Quellen und zu einem kleinen Bergsee. Was unser Führer für sehenswert hält und was wir sehen sollen, das ist das eine, was wir sehen und was wir für sehenswert halten, ist das andere. Immer wieder ist es das Wasser, was sie uns zeigen wollen. Wie lächerlich fanden wir den Wasserfall bei Mussoorie und die anderen Wasserfälle in Himachal Pradesh. "A waterfall, a picture?" Wir nickten nur müde und wollten nicht halten, nicht fotografieren. Wie begeistert war unser Fahrer, der aus den Wüsten Rajasthans kam. Jetzt haben wir einen Berg erstiegen, um einen winzigen Bergsee zu sehen. Wir machen wieder kein Foto. Die heißen Quellen, zu denen wir voller Erwartung mit unseren Badeanzügen hinaufgestiegen sind, fotografieren wir. Nicht wegen der idyllischen Lage, sondern wegen der komischen Situation. Dutzende von Soldaten stehen an den Rinnsalen und waschen ihre Hemden, ihre Pullover, ihre Socken, ihre Schlafsäcke. Ihre Socken hängen zu hunderten an Drähten, ihre Pullover trocknen auf den großen Steinen und die Schlafsäcke stecken in viel zu kleinen Eimern. An ein Bad ist nicht zu denken. Also hinab. Wir wollen laufen, wandern. Wir stapfen durch Sand, durch Gerstenfelder, durch Sumpfwiesen, durch Geröll. Immer wieder bleiben wir stehen und müssen uns vergewissern, dass wir im Hoch-Himalaya sind. Wir glauben durch die Salzwiesen des Nordseewatts zu gehen, im Schilf riecht die Minze nach dem Uphuser Meer bei Emden. Im heißen Sand stehe ich vor den dürren Ästen eines abgestorbenen Baumes und bin in der Wüste Erg in Marokko. Auf den Rändern des Bewässerungsgrabens balancieren wir zwischen den Reisterrassen Balis. Der Blick über die Gerstenfelder und die dichten Lavendelbüsche bringt uns in die Provence. Welche Wirklichkeiten sehen wir? Ein Zauberland, das uns all das bietet, was wir schon sahen in anderen Teilen der Welt und mehr? Oder sind wir verzaubert? Wo ist Ladakh? Dort, in den Häusern für die lokalen Götter, die an allen markanten Stellen stehen. Keine Götterbilder, nur ein amorphes Gebilde aus zusammengebundenen Zweigen auf einem viereckigen Steinsockel. Oder in den Manimauern. Am Ende der Mauer ein Schrein, ein zweistöckiges Haus mit drei farbigen Stupas in blau, weiß und rot und dahinter bzw. daneben noch ein mannshoher Rundbau, ebenfalls zur Ablage von Manisteinen.


Manistein

Nubra-Tal: Deskit

Zwei Königspaläste, verlassen, etwas verfallen, haben wir heute erforscht. So will heute keiner mehr wohnen. Interessant sind die großen schwarzen Küchen. Ein geschlossener, gemauerter Ofenkasten mit schönen Seitenverzierungen. Hier wohnt die Herdgöttin, ihr wie auch anderen Hausgöttern wird in der Neujahrszeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt. An einem schwarzen Trägerbalken hängt noch ein Erntestrauß, über dem Türbalken zur Vorratskammer sind oberhalb des Türbalkens mit weißer Farbe Figuren gemalt. Hier eine liegende Mondsichel, die eine Sonne trägt und darüber eine Flamme, seitwärts ein Hakenkreuz und die drei Glücksjuwelen. In der Mitte des Raumes befindet sich eine offene Feuerstelle für den Winter. Der Rauch zieht durch eine große Öffnung ins obere Stockwerk. Diese Küche ist ähnlich aufgeteilt wie die Klosterküchen, die allerdings nicht zwei Balkonveranden haben, sondern eher schwarzen Höhlen gleichen. Der "Palast" von Sumur hat eine großartige Lage mit einem Blick über das weite Tal in beide Richtungen. Jedes Zimmer hat einen Balkon nach Süden. Unterhalb des Palastes liegen die Trümmer des alten Dorfes. Es wurde zerstört trotz der vielen Stupas und der Altäre für die Ortsgottheiten, die bis hoch in die Felsabhänge stehen. Sogar ein großes Shivazeichen hat man auf die steile Felsmauer gemalt. Wahrlich ein gefährlicher Ort, an dem Menschen sich mit so vielen Schutzzeichen gegen die bösen Stein- und Bergdämonen zu schützen suchen.
Der Palast von Hundar liegt auf der anderen Seite des Shayok, tief in einem Aprikosenhain, umgeben von sprudelnden Bächen, die auch drei kleine Gebetsmühlen drehen und dabei Glocken zum Klingen bringen. Zwischen den strömenden Bächen stehen große Stupas, die wohl die herabdrängenden Wassergeister aufhalten sollen. Auch an den Felswänden stehen auf allen Felsabsätzen Stupas und Büschelaltäre für die örtlichen Götter.


Lathos, ein Geisteraltar für den lokalen Schutzgott der Felder

Hier im Nubra-Tal spüren die Menschen wohl noch sehr stark die Gefahren, die ihnen durch entfesselte Naturgewalten drohen. Wir denken an die Bergrutsche in den Alpen, die jedes Jahr einige Dörfer zerstören. Deshalb stehen überall, auch auf den Häusern, die roten Büschelaltäre, die die Naturgötter beruhigen sollen. Früher färbte das Blut der Opfertiere die Steine und die Türpfosten rot, heute ist es nur eine Farbe. Häufig stehen zwei Steine gegeneinander gelehnt oder liegen übereinander. Auch die vielen Manimauern in den Siedlungen zeigen die Angst vor den Gefahren der Natur.
Unser Problem in Hundar ist die Unterbringung in einem Privathaus. Hier gibt es nur die eigenartige Ladakhi-Toilette, ein zweistöckiger Turm aus Lehmziegeln, die von unten direkt entsorgt wird. Eine steile Treppe führt in einen kleinen Raum mit einem Loch im Boden und einem Loch in Gesichtsrichtung zum Atemholen. Dieser Turm steht 5 m vom Haus entfernt vor unserem Zimmerfenster. Im Jemen haben wir eine ähnliche Toilette kennengelernt, bei der man aber den Urin durch eine Rinne vom Festen trennt. Als wir uns wegen des unerträglichen Geruchs beschweren, streut der Wirt trockenen Rinderdung in den Stehraum und unten über den menschlichen Kot. Papier und Wasser fehlen. Fließendes Wasser gibt es auch nicht im Waschraum.
In der Nacht peinigen uns die Nubra-Dämonen mit Schlaflosigkeit, die harten Bettgestelle der Familie, die trockene Luft, die Angst aufs Klo zu müssen und das Geschrei des Muezzin verhindern einen kontinuierlichen Schlaf.


Mumifizierter Arm

Die archaische Kultur des Nubra Tals zeigt sich auch in den Bemalungen der Tempel und der Tschörten. Vorwiegend werden tantrische Darstellungen der zornigen Form in Vereinigung mit dem weiblichen Element gezeigt. Das Kloster Deskit, 1420 Jahre alt, ist eine außergewöhnlich urige Ansammlung von Gebäuden auf einer Felskuppe. Das Wasser mussten die Mönche früher über steile Leitern aus einer tiefen Schlucht seitwärts des Klosterberges herauftragen, auch das Holz für den Winter. Wenn die Mönche zu alt und zu gebrechlich dafür waren, besorgten Angehörige aus dem Dorf diese Arbeit. Über 100 Mönche sollen in den kleinen Häuschen im Fels wohnen. Der Abt sei gleichzeitig Abt von Tikze und politischer Vertreter in der Regierung von Kaschmir und sei daher meist abwesend. Auf den Dächern des Klosters stehen gleich mehrere "Storchennester", die Altäre für die örtlichen Naturgeister. Im dunklen Gonkhang, dem Tempel für die Schutzgeister, steht ein schwarzer Mahakala, sein Gesicht ist wie das der anderen Figuren verhängt, um die Besucher vor der Macht des Anblicks zu schützen. Der Mahakala, der große Schwarze, eine Form des Hindugottes Shiva und Schutzgott der Mongolei, trägt statt des Hackmessers und der blutgefüllten Schädelschale einen abgeschlagenen, mumifizierten Arm und einen Kopf in seinen Händen, makabre Hinweise auf einen Sieg über ein Tibeto-Mongolenheer im 17.Jahrhundert, das auf Veranlassung des 5. Dalai Lama Ladakh unterwerfen wollte.
Auf dem Weg zurück nach Leh besichtigen wir das moderne Kloster unseres kleinen Mönchs, das zwischen den grünen Feldern nördlich von Leh liegt. Der Betraum und der Versammlungsraum entsprechen einem Kommunikationszentrum westlicher Prägung. Hier gibt es keine tantrischen Darstellungen. An den Wänden befinden sich Erinnerungsfotos und Regale mit Büchern von Shakespeare und John Steinbeck. Im Betraum stehen Ritualgegenstände des koreanischen und japanischen Buddhismus, z.B. Holzklappern, die es im Lamaismus nicht gibt. Aber die Toilette ist echt ladakhisch und über eine Brücke vom 2. Stockwerk aus erreichbar.