Auf dem Weg von Bombay nach Goa
durch den indischen Bundesstaat Maharashtra

"Nein, wir machen diesen Umweg ins Landesinnere nicht mit. Wahrscheinlich sind die Straßen in einem schrecklichen Zustand. Wir erholen uns während eures Abstechers lieber am Strand von Goa."

So äußerten sich unsere Freunde, nachdem wir die alten buddhistischen Höhlentempel von Karla und Bhaja besichtigt hatten. Wir wollten keinen Strandurlaub, sondern suchten neue Begegnungen mit Menschen und ihren Lebensweisen, deshalb versprachen wir uns einige neue Erfahrungen von diesem Umweg abseits der Hauptroute.

Eines der Erlebnisse auf dem Umweg ins ehemalige Hippieparadies Goa ging mir unter die Haut. Wir kamen nach Pandharpur, 500 km südöstlich von Bombay, das die Reiseführer als einen hinduistischen Wallfahrtsort bezeichnen. Nicht mehr. Was wir dort erlebten und sahen, habe ich erst Jahre später verstanden, nachdem wir schon viele Reisen in alle Gebiete Indiens hinter uns hatten und viele ähnliche Situationen durchlebt hatten.


Kinder aus einem Camp herumziehender Zuckerrohrarbeiter

Pandharpur, der Wallfahrtsort der Unberührbaren
A
uf dem Weg zum" Größten aller Götter"

Unser Führer will uns den Haupttempel und das Bild des Gottes Vithoba zeigen. Lange Schlangen stehen schon vor dem Tempel. Eine Sonderbehandlung - Nebeneingang und kürzerer Weg zum Bild- gelingt nicht. Aber die Wartezeit soll nur 1 Stunde dauern. Die Menschenschlange, eine Art Prozession; es werden Anrufungen gesungen-

"RAM, RAM, HARE, HARE RAM RE". Einmal in der Schlange und es gibt kein Entweichen mehr. Wir stehen in einem Laufkäfig für Menschen - so werden Raubtiere vom Zirkusstall zur Arena geleitet. Die Laufgitter führen durch ein Pilgerhaus, ähnlich wie eine Hochgarage gebaut. Die Pilgerschlange windet sich wie in einem Labyrinth hin und her. Vier Reihen nebeneinander. Wir müssen in eine Richtung und dann wieder zurück in vielen Krümmungen zwischen hohen Gittern, eine Reihe wird so vor der anderen geschützt. Die religiöse Besessenheit der Pilger kann sich gefährlich äußern. Draußen scheint die Sonne, ist es heiß - hier stehen wir mit nackten Füßen auf dem kalten Betonfußboden. In dem Dämmerlicht starren wir auf die rötlichen Mauern und blinden Fenster. Alles starrt vor Schmutz, an den Wänden klebt dunkelroter Betelsaft und der schleimige Auswurf der Bronchien. Aufpassen, dass wir nicht mit unseren nackten Füßen in solche Pfützen hineintreten. Manchmal stinkt es nach Urin. Wir sind eingeschlossen. Die Menschen starren uns an, manchmal ein Lächeln. Gehören wir zu ihnen? Langsam schieben sich die Menschen vorwärts, Frauen und Männer vom Lande, Kinder, alle auf dem Weg zum schwarzen Götterbild, THE GREATEST GOD OF THE WORLD, auf der Stirne das Symbol des Gottes, drei farbige Punkte, schwarz- rot- weiss, eingefasst durch 2 weiße Striche. Auch ich muss es tragen. Kleine Jungen drucken es auf die Stirn.

Die Prozession wird zur Folter. Wo bleibt der exotische Blick, der immer wieder das Fremdartige sucht und genießt? Nimm die Situation mit Humor. Christa bekommt Platzangst. Zwei Stunden stehen wir schon in der Schlange, die sich nur langsam vorwärts schiebt. Immer wieder entstehen Pausen, wenn vor dem Götterbild eine Puja, eine Darbringung von Geschenken, stattfindet. Aber das erfahren wir erst später. Jetzt stehen wir, schauen weg von den übelriechenden Wänden und versuchen uns zu trösten, dass es irgendwie ja doch vorwärtsgeht. Wir wollen weg. Christa sagt dem Führer, sie sei krank, sie brauche Luft. Es geht nicht, wir müssen durchhalten.

Es kommt schlimmer, jedenfalls für mich. Wir stehen ganz nah vor dem großen, schwarzen, steinernen Götterbild. Ich muss mich verneigen. Meine Stirn muss die Knie des Gottes berühren. Noch tiefer mit dem Kopf, bis auf die Füße. Der Brahmane drückt meinen Kopf zweimal hinunter. Ich will diese Figur nicht küssen, nicht verehren. Ich muss. Eine Girlande, die auf dem Schoß des Gottes geruht hat, wird mir über den Kopf gestülpt. In die Hände bekomme ich die Geschenke des Gottes gelegt: rote und gelbe Blüten und eine Kokosnuss.

Der Priester schlägt an die Glocke. Der Gott soll aufmerken. Hier steht einer, der Schutz erfleht. Ich kann kaum mehr atmen. In meinem Hals sitzt ein Kloß und würgt.

Ich bin kaum in der Lage meine Umgebung wahrzunehmen, schnell raus. Noch spüre ich die Hände des Priesters in meinem Nacken.

Da hatten wir uns auf etwas eingelassen! Wieder so eine Art körperlich - geistiger Vergewaltigung. "Das war das letzte Mal" - und ich dachte an die anderen Male, einmal musste ich mich sogar ausziehen. Mit nackten Füßen und nacktem Oberkörper hatte ich da gestanden.

Wieder spürte ich das Würgen im Hals; alle Sinne hatte ich eingezogen: nicht mehr sehen, nicht mehr riechen, nicht mehr den schmutzigen Boden unter den Füßen spüren, die Atmung anhalten.

Wie schön hätte der Morgen am Fluß sein können. Das pulsierende Leben im Wasser und auf dem weißen Strand. Exotik pur, eine faszinierende Atmosphäre am Morgen. Wir hätten das Leben eingefangen mit unseren Kameras, hier und dort, wo unser Blick hinfällt, Bilder aus einer anderen Zeit.

Jetzt aber sind wir mit unseren Kräften am Ende.

Diese Begegnung mit Vishnu und den Seinen hatte sich als stärker erwiesen.


Kleine Tempel am Ufer des Flusses Bhima in Pandharpur

Später erfahre ich, dass sich dieser Pilgerort von den klassischen Orten unterscheidet, weil hier und nur hier die hinduistische Kastenzugehörigkeit nicht zählt. In den anderen Orten sind sogar die Badeplätze am Fluss für die einzelnen Kasten festgelegt.


Pilger mit Spitzhut aus Pfauenfedern

Die Wallfahrt in Pandharpur wurde als eine Protestbewegung gegen die Kastenhierarchie der Brahmanen schon 1280 von dem Saddhu Dnyaneshvara ins Leben gerufen. Aber die Angehörigen der niederen Kasten durften nur bis zum Eingang des Tempels pilgern. Erst ab 1947 nach einem Hungerstreik (Sane Guruji) erlaubte die Priesterschaft den Zugang für alle. Heute drängen sich in den Reihen vor dem Götterbild auch Unberührbare und verachtete Kasten neben Angehörigen aus höheren Kasten. Vielleicht deshalb die Eisenkäfige und Laufgitter vor dem Tempel. Auch am Flussufer sehen wir ganz ungewöhnliche Typen, die wir keiner hinduistischen Sekte zuordnen können. s. Christas Fotos unter Saddhus und Pilger

Auf dem Ufersand lagern die Pilger

Die Anhänger der Bewegung nennen sich Varkari ("Menschen, die eine Pilgerfahrt unternehmen"). Aus ihren Reihen sind wichtige religiöse Schriftsteller hervorgegangen, die die Sprache des Landes zu einer Literatursprache entwickelten, dem Marathi.

Der berühmteste Dichter und Heilige der Unberührbaren heißt Cokhamela ("Cokha der Schmutzige", gest. 1338), der zur stärksten Unberührbaren-Kaste der Mahar gehörte, die für Schmutzarbeiten wie z.B. das Beseitigen von Tierkadavern zuständig war. Kein Mahar durfte einen Hindutempel betreten . Cokhamela schreibt Verse über die Ungerechtigkeit des sozialen Systems.

König der Könige, warum benachteiligst du manche!
Dein Verhalten verwundert mich.
Der eine hat eine Wohnung, wieder einer hat einen Thron,
der andere geht ohne Kleider herum.
Der eine hat Wurzeln zum Essen, wieder einer hat ein Festmahl,
der andere erhält kaum sein Bettelbrot.
Der eine besitzt Ruhm, wieder einer trägt den Titel eines Königs,
der andere bettelt von Haus zu Haus.
Solche Gerechtigkeit herrscht in Deinem Hause.
Cokha sagt: Der Herr ist mein Schicksal.

Er glaubt trotz seiner Einsicht weiter an sein Schicksal und daran, dass er für seine niedrige Geburt die Schuld trägt. Ähnlich wie Gandhi wollte er das Kastensystem nicht abschaffen.

Ich hatte Krishna verleugnet, deshalb bin ich als Mahar geboren.
Cokha sagt: Für uns ist die Unreinheit eine Frucht der Vergangenheit
.

Er durfte während seines Lebens den Haupttempel von Pandharpur nicht betreten.

Meine Stimme ist nicht rein, meine Worte sind nicht richtig,
alle weisen mich ab.
Niemand nähert sich mir, niemand sitzt neben mir.
Cokha sagt: so ist mein Leben.

(zitiert nach G.Schweizer "Indien" und Cokhamela "Lobpreis des göttlichen Namens")

Ein weiterer berühmter Mahar der Neuzeit ist Bhima Rao Ambetkar (1891 - 1956). Er war das 14. Kind eines Lehrers in Maharashtra aus der Dalitgruppe der Mahars. Auf Grund seiner überragenden schulischen Leistungen bekam er ein Stipendium an der Uni in Bombay. Danach finanzierte ihm der Maharaja von Baroda ein Auslandsstudium in USA. Er machte den Dr.jur. und wurde Justizminister Indiens. Nach einigen Jahren tritt er von seinem Posten zurück, weil er auch im Ministerium als Unberührbarer behandelt wird. Für die Dalits wird er zum positiven Leitbild im Gegensatz zu Gandhi, der wie Cokhamela die Kastenangehörigkeit akzeptierte.

Weitere Infos zum Problem der Unberührbaren in den Reiseberichten über den Besuch Khajurahos und über die Adivasi bei Pachmarhi und Jhabua.
"Unser Fremdenführer, Gedanken eines Kastenlosen"
Reise ins Innere Indiens

Infos aus weiteren Veröffentlichungen:
Probleme der Dalits
Dalits und Dharma