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Die Eliteraten (Jan. 2017)

 

Wörter - Bilder – Sprachen: ersetzen – übersetzen – verdoppeln – verschmelzen

Kunstwelten - Wirklichkeit wahrnehmen – Wirklichkeit gestalten – Kunstwelten 1, 2, 3...

 

.  

magritte: In einem Gemälde bestehen Wörter aus derselben Substanz wie Bilder“.


René Magritte: Der Abend fällt herein
(Le soir qui tombe). 1964.
 

Dennis Mizioch & David Krause: das muster der risse - Signaturen

als kind legte ich ein puzzle
der landschaft auf die ich blicke.
später klebte ich die scherben
des fensters neu zusammen
setzte es ein in den rahmen und wusste:   
mich interessierten nicht mehr die hügel
die burg die bäume die sonne
die wie ein stein im abendhimmel lag
sondern das muster der risse und
aus den zerschnittenen fingern fiel blut.


https://lyrikzeitung.com/ Nicolai Kobus: bildgebende verfahren - Signaturen

nach René Magritte: Der Abend fällt herein

dann knallte es laut
stieg als wolke hinauf
und fiel uns zu
ein sterben ohne ende
hier vor dir
scherben der welt (
g.n.)

Magritte: Das Fernglas


Texte: g.n.

Neue Dunkelfenster

Dunkelbilder

im endlosen Fensterspiel

öffnend und schließend.

 

Die Hoffnung geht

auf blumig sonnige Ränder,

Gardinen einer dunklen Welt.

 

Fenster mit Furchtblick

trau trump nicht

tump du du

siehst schwarz

 

kein wort

im himmel

zwischen wölkchen blau

ein spalt und nichts

im schwarz

 

tu tump,

trau nicht

dem trumpeltumf

 

Dort ist Ruhe

Wo immer ich hinschaute

da drohte einst der Hintergrund,

der ängstete.

So blieb ich traulich im Vertrauten

nicht dahinter oder dazwischen

vielmehr im Hier.

Hier zeigte sich Gerahmtes,

war gemeinsam wahr.

 

Schließt eure Spiegelfenster

lasst nicht herein

die dunklen Hintergründe.

 

Seht die Welt so licht so hell

im goldnen Sonnenglanz

so ohne Angst,

vorbei hindurch hinüber.

 

Schließt eure Fenster

vor dem Draußen.

Geschautes wird Vertrautes

 

Hausaufgabe:


1. Umsetzung eines gemalten Bildes in Worte.

2. Reduktion der Worte.

3. Gestaltung eines Wortbildes.

Miro: Bleue I,II,II, 1961


sah ich sie auf jeder seite noch
bis der stör hinein stach so
und trieb sie reihen weise weg
einen rest in der weite
sah niemand meer
(g.n.)

 

Bildliche Konkretisierung der Verse: es ergeben sich neue Lesarten.

sah ich


den rest nicht

im weiten

meer

Text: G.N.


Text zu einem Bild von Jutta Lawerino

 

Wenn Schwarz in Rot ertrinkt

und Lava über Felsen stürzt,

ertönt der Lilithschrei nach Gott.

 

Abgründe schwarz sich öffnen,

wo Lilith ihr feuriges Haar, ihre Flügel bekam,

wo Lilith thront im Erdenteufel-Sturz,

wo Lilith wohnt im Weltenbaum,

dämonisch teuflisch sturmgedreht

vertrieben ungeliebt doch frei allmächtig.

Die Erde prall gedehnt.

Es ist Schöpfung.

Es ist Öffnung.

Ein Jenseits von Worten.

Eine rotbewegte Welt.

Zu jedem Glied des Körpers sprach einst Gott, als er sie schuf: ‘Sei keusch! Sei keusch!’

Und dennoch trotz aller Vorsicht, hat sie alle Fehler, die Gott zu vermeiden suchte.

Vor langer Zeit, als die Erde sich wölbte prall,

verborgne Reife glänzte, und sie trat vor,

da schlug sie Messer kantig schartig scharf,

schlug öffnete und zeigte rohe Gewalt.

Da sah ich Lilith rundgeschlagen gebunden verbunden gepreßt.

Dort, im helleren Rundschlag, Lilith, ein Körperrad aus feurigen Lunten.


Im Innern drohend

verheißend helle Sonne.

Wer weiß vom feurigen Ausbruch eines Vulkans?

Hier kannst du stehen sehen fühlen Körper

ein kampfbilderrotes sinnliches Wunder.

(g.n.)

Die Eliteraten (Febr. 2017)

"Sprachmalerei" und Bildmalerei

Wirklichkeit in Kunstwelten

Umsetzung eines abstrakten Bildes in einen "abstrakten" Text

So wie der Maler Farben übereinander schichtest, so schichtet der Sprachmaler Motive, Wörter, Buchstaben strukturiert und rhythmisch geordnet ineinander, die im Leser Assoziationen und Emotionen hervorrufen können. Die Bilder und auch die Texte sind "abstrakt" und haben doch eine inhaltliche Dimension. Über beide Darstellungsarten kann man sprechen. Dabei erlebt bzw. erfährt man dann wiederum neue "Wirklichkeiten".

Texte der Eliteraten zu Bildern von Jutta Lawerino

 


Wenn Schwarz in Rot ertrinkt

 

Zwei Texte zum selben Bild von Jutta

I.

Schwarz

Dunkle Reiter

auf rasenden Rossen

jagen den Abgrund hinab.

Apokalypse.

(Christa N.)

II.

die auch kommen über uns hinaus
luftgeistige sylphen
incubus sylvanisch gepaart
kryptisch gezinkt
bên zi bêna, bluot zi bluoda
sichtbarlich unwirklich
fuencaliente
Herr, es werde so!

(g.n.)

Erläuterungen:

Sylphen oder auch Sylvani sind mythologische Naturgeister, die dem Element Luft zugeordnet sind, so wie Undinen Wassergeister sind. Der Salamander ist wiederum dem Feuer zugeordnet und die Zwerge oder Gnome der Erde. Sylphen sind daher ein Beispiel für die Spiritualisierung von Materie.
Sylvanisch (Einhörner, Feenwesen, Pflanzenkreaturen, Zentauren), Sylvan ist eine Artrock-Band aus Hamburg. die aus der i Band Chamäleon hervorging. Der Name soll auf den Waldgott Silvanus zurückgehen. Silvanus war der römische Gott der Hirten und Wälder und wird häufig mit Faunus oder Pan gleichgesetzt.
Zink (Geheimzeichen) bezeichnet die geheime Verständigung durch Laute, Gestik oder Mimik, vor allem aber durch grafische Zeichen.
Bein zu Bein, Blut zu Blut. Aus dem zweiten Merseburger Zauberspruch vom 9.Jh., mit dem das verrenkte Bein eines Pferdes geheilt werden soll. Ein Zauberspruch dient dazu, durch die Macht des gebundenen Wortes magische Kräfte nutzbar zu machen.
Fuencaliente hat eine Beziehung zum spanischen fuego, fuente und caliente, Feuer, Quelle und heiß. Wir haben auf der Kanareninsel Palma im Ort Fuencaliente gewohnt.

 

Marcel Broodthaers: geb.1924 Sint Gilles/Brüssel - 1970 Düsseldorf - gest.1976 Köln
Marcel Broodthaers. Eine Retrospektive
04.03. - 11.06.2017 - K21 Ständehaus, Kunstsammlung Düsseldorf

Das Werk von Marcel Broodthaers ist skurril, hat Panoptikumscharakter und wirkt insgesamt wie ein großes Bildrätsel. Seine Werke spielen mit der dualistischen Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem, von Abbild und Abgebildetem, von Form und Inhalt, von Sprache und Bild. In diesen kommunikativen Prozessen, die in ihrer Polarität zwischen Poesie und wissenschaftlicher Systematik hin und her springen, sucht Broodthaers nach elementaren Strukturen von Kunst.

Seine ersten Stücke orientieren sich am großen Vorbild René Magritte. Wie der surrealistische Meister in seinen Bildern, so entlockt auch Broodthaers mit seinen Objekten dem Alltäglichen, Vertrauten etwas Unerwartetes: Er steckt die letzten 50 Exemplare seines wenig erfolgreichen Gedichtbändchens Pense-Bête in ein Gipsbad und verwandelt so die nun fest verklebten Versesammlungen zur Skulptur.

In seinen visuellen Wortspielen bleibt Marcel Broodthaers stets der Poet, der der sinnlich-intellektuellen Kunst Réne Magrittes und der symbolistischen Prosa Stéphane Mallarmés verbunden bleibt. Trotz aller Parallelen zur Konzeptkunst Marcel Duchamps ist es gerade dieser poetische Impuls, der Marcel Broodthaers von den damaligen neo-dadaistischen Strömungen der Sechziger Jahre unterscheidet. Noch gewaltiger und unüberbrückbar war die Kluft zwischen ihm und seinem Kollegen Joseph Beuys. Dessen messianischer Gesamtkunstwerksanspruch war Marcel Broodthaers höchst suspekt, worauf er nur mit seiner ironischen Poesie des Alltags reagieren konnte. Für ihn verkörperte Joseph Beuys Wagner, er selbst dagegen sah sich eher als Jacques Offenbach der Kunst, der sein eigenes Werk mit einem Augenzwinkern betrachtete.

Stéphane Mallarmé (1842-1889) Durch den oft absichtlich unklaren Stil und die subtile Beziehung von Schrift, Klang und Bedeutung gilt sein Werk als schwer übersetzbar. Beim lauten Lesen werden Assoziationen und Bedeutungen hörbar, die in der Schriftform nicht offensichtlich sind, zum Beispiel können die Worte „ses purs ongles“ („ihre reinen Nägel“) beim Hören als „c’est pur son“ („das ist reiner Klang“) aufgefasst werden.

Stéphane Mallarmé schuf 1897, ein Jahr vor seinem Tod, das Langpoem "Un coup de dés jamais n'abolira le hasard" - auf Deutsch etwa: "Ein Wurf mit dem Würfel wird niemals den Zufall abschaffen." Der Schriftsteller legte sein Gedicht wie eine Wortpartitur an: Im scheinbar zufälligen Rhythmus fließen die Zeilen über die Seite. Manchmal bestehen sie nur aus einem Wort, manchmal aus einer Phrase oder einem ganzen Satz. Philosophisches, metaphorisches Denken ist hier Sprachmusik geworden.

Über elf Seiten quer verteilt öffnet jedes einzelne dieser Worte neue, einander untergeordnete Subtexte, wobei die Unterscheidung zwischen vorherrschendem Motiv und sekundären Abzweigungen typographisch in einer Weise veranschaulicht wird, die das klassische 'Medium' Buch sprengt und die ungezügelte Kraft der Schrift virtuell hervorbrechen läßt.


Die Eliteraten (Febr. 2017)

Beispiel: Hélène Gelèns, * 06.05.1967, Bergschenhoek, Niederlande

Campert-prijs 2010 - Hélène Gelèns "zet af en zweef" Lees hier Juryrapport

stamel de naam!

atme ruhig ein und aus, atme ein und aus, denk an den namensträger, ein aus, ein und aus, gut so, ein, sprich den namen aus

hasch nach dem namen, versuch ihn zu haschen als schnapptest du luft, etwa so: hapshaps, nach dem namen haschen, hapshaps

nicht husten, haschen, hapshaps, nicht husten, ruhig ein- und ausatmen, ein und aus, nicht husten, einatmen einatmen

wie nach dem träger des namens heische nach atemluft, hasch nach luft, such sie zu haschen atemluft, du mußt noch stammeln, haps! haps!

 

[niet beginnen bij het hoofd]

nicht beim kopf beginnen nicht beim fuß nicht bei der nase nicht beim finger der linken hand von herrn herbert

bei fingerspitzen beginnen nicht bei den nicht bei den meinen - tintenbeschmierten beginnen bei diesen beliebigen: unbefleckten fingerspitzen von einer die angestarrt wird deren auge und zunge verraten: kein köpfchen nicht naseweis

fingerspitzen die gleiten genau so als ob und die pieksen wie sie es täten und kitzeln wie wenn in der luft umfahren sie eine parabel der blick pappt darüber darunter dahinter bei ihrem satz beginnen in fingerspitzen prickelt verlangen

zu meinen fingerspitzen übergehen sie prickeln bis ich taste

gedicht voor twee stemmen en een klok

tick hör wie sie tickt tick deine uhr tickt tick

meine uhr tickt nicht es tickt nichts ich hör nichts

            du denkst tick tick nicht! tick tick nicht! tick             doch du weißt tick die uhr tickt tick             da sagst du tick sie tickt nicht tick ich hör nichts tick

ich hör keine uhr kein geticke kein einziges ticken

            tick doch sie tickt tick deine uhr tickt tick             du willst das tick nicht hören tick warte nur             deine tick uhr deine uhr tick sie wird schon noch tick ticken

kein einziges ticken es tickt nichts die uhr existiert nicht

           du denkst tick ticknichtticknicht tick tick nicht! tick            und später tick die reue: tick sie tickt nicht mehr            tick tickt nie mehr – tick was wenn dich tick die reue packt?

was wenn du die uhr erfindest was ist wenn das kind dich reut?

           tick du weißt nicht tick was dir fehlt

ich weiß nicht was mir fehlt doch du du weißt was dir fehlt was dir fehlt tickt

niet wij rennen

nicht wir rennen

wir denken an zielloses an ungebremstes rennen wir rennen wir rennen verzögern das bild spring ab schwebe und lande

jeder schritt rollt von der ferse zum fußballen zum großen zeh jeder absprung voll kraft jeder schritt ein sprung spring ab schwebe und lande spring ab und schwebe

wir schweben und schweben im ungebremsten rennen wir fliegen eher durch die luft als den boden zu berühren spring ab schwebe und lande spring ab spring ab und schwebe lande spring ab

wir denken uns ziellos uns ungebremst rennend wir laufen uns leer der körper als pfeil mühelos rennen wir nichts tut meht weh

nicht wir rennen --- der pfad rennt

sluitingstijd

feierabend

du bestimmst: das ist geheuer das ist nicht geheuer dies hier geheuer das da nicht geheuer früher nicht geheuer jetzt geheuer danach

aus dem dunkel applaus und du sagst eitelkeit eitelkeit alles ist eitelkeit, du streichst (eitelkeit der eitelkeiten) sagst alles ist! alles ist! alles ist nur was es ist, du streichst ales! alles! sagst du plötzlich fünf uhr ist feierabend für alles

und streichst noch weiter: alle all al a applaus aus dem dunkel und weißt nicht: geheuer oder nicht geheuer

Übersetzt von Esther Kinsky

Lees hier

in ongeremd rennen volg je het pad tot je het pad tevoorschijn rent ren je de zon tevoorschijn en een duinvallei het mulle zand het helmgras het geruis van de zee ren je de zee tevoorschijn een steeds onmetelijker zee

im ungebremsten rennen

folgst du diesem pfad bis du den pfad zum vorschein bringst rennst du zum vorscheinen der sonne und eines dünentales der lockere sand das dünengras das rauschen des meeres rennst du zum vorscheinen des meeres ein immer unermessliches meer

Dieses Gedicht von Hélène Gelèns als muurgedicht (muurgedicht in Den Haag)

s.a. Lijst van muurgedichten in Leiden - Wikipedia

(142 Häuserwände mit Gedichten)

 

Die Eliteraten (März 2017)

1. Texte zu Farbbildern von Jutta Lawerino

2. Neue Lyrikbeispiele

 

Tom Schulz

(* 18.08.1970, Oberlausitz)

Sommerabend

nichts gesagt und getan
als die eigenen Hieroglyphen in den Sand gesetzt
durch soviel Kuhmist geschritten
rauchst du mit mir den miesesten ipod

holst du die Anspruchsmusik herunter
auf dich lässt sich alles verwenden
die Nächte, in denen wir verbrennen
sollen die Vulkane ins Quadrat nehmen

deine Liebe, lass sie mich ausstatten
mit einem Seepferdchen, nicht domestizierbar
die Eiweißverbindungen die zwischen uns bestehen
doch ich werde rein pflanzlich
bis später, wüst gefallen vor 2069

welche Kurpromenade werden die Berührungen
entlang schlendern, wenn die wirkliche Schönheit
verfliegt auf der anderen Straßenseite
(sie kam vom studentischen Austauschdienst
folge ihr ins Bad und vergifte sie)

es ist Sommer, trockene Hitze, nein Schwüle
trockene amerikanische Lakonie, es ist Sommer
in den Bäumen die Maultiere, große Dürre
waren es Williams Birnen oder Pflaumen
jedenfalls ist es Sommer

dreh mal die Platte um, sometimes a pony
gets depressed
, was macht das schon
für einen Unterschied, verschwinden oder
herausgestrichen werden aus einem Plan
der nicht aufgeht

nur die lange schweigende Mehrheit der auf dem Grund
der Flüsse röchelnden Fische, die den Rochen voll
und hinter tausend Hefeweizen keine Welt

Tom Schulz

die Tagesmutter (deutsch - französisch)

Gerölle von kleinen Steinen, ein Kiesel
farbener Tag, von ihm ist nicht mehr 


viel übrig, von mir 

allerhand, du kannst es aus meinen Augen

trinken, die nicht nachtblinden Fensterscheiben
die morgens niemanden fortgehen sehen

auf Uhren täglich, die eingestellte Zeit

Sittiche mag ich, Babys, beaufsichtige 


sie jedoch nicht gern, zwei Katzen

wohnen in meiner Brust, die Mutter 


wie Friedhofskresse, im Sommer 


muss man alle Mütter gut gießen

man muss sich am Eingang eine Plastik
Kanne ausleihen, dann zu einem Brunnen


schlendern, es gibt sie doch

Brunnen, wenn ich die Stelle streichele

zittert dann die Mutterschoßhand? 


es gibt sie doch, zwischen Quietschwatte

Singvögeln, zwischen mir 


& der Vorstellung, ich würde Rentnerinnen 


umarmen in Parks

wie sag ich es ihr?


ich habe keine & ich weine 


den lieben langen Tag ins frische Gras

die Tagesmutter (Tom Schulz) · Lyrikline.org

Übersetzung: Albane Gebbe

Nourrice
petits cailloux s’éboulent
il reste peu d’un jour-gravier
et de moi : beaucoup de choses


bois-le dans mes yeux
les vitres savent la nuit
ne voient personne partir (le matin)

tous les jours sur les montres le temps est suspendu
j’aime les perruches, les bébés
mais je n’aime pas m’en occuper, deux chats


habitent dans ma poitrine et ma mère :
c’est du cresson de cimetière
(en été, arrosons mères et belles-mères)

il faudra emprunter un arrosoir en plastique
puis faire une promenade
jusqu’à un puits, il y a des puits


et si je caresse la main
posée sur les genoux de ma mère, tremble-t-elle.
il y a des mères, parmi boules de polystyrène,


oiseaux chanteurs et moi jusqu’à
mes idées de prendre au milieu d’un parc
des grands-mères dans mes bras


comment lui dire
n’ai pas de mère, toute la sainte journée
mes larmes coulent dans l’herbe fraîche


Eliterarische Vers-Beispiele (März. 2017)

Tom Schulz

"Lichtveränderung. Gedichte."

Aus: "Die Waldameisen"

"vergiss nicht das Eichhörnchen
zu reanimieren, regnet es
unter dem Rettungsschirm
regnet es wenige Meter
über dem Meer, Geliebte der Buchecker
ich wohne jetzt im Norden
wo die Wälder Kieselsteinteppiche sind
"

Aus: "An einem Wintertag mit Schneerosen",
(das Werden und das Vergehen als ein Meereswogen)

"Das ist beinah alles:
das Leben, ein oder zwei
Hebungen über dem Meer
"

"ich imaginiere, wie deine Fingerspitzen
einen Garten bewirtschaften
der mich verwüsten wird, wenn das Licht
in einem Dopplereffekt gleichermaßen zu
und abnimmt
"

"........

Baum Blume Gras
leg dich leicht auf den Boden
& werde zu Erde

sei ein Freund aller Gestirne
die sich drehen & drehen & drehen
um keinen Marktplatz

erst opfern wir eine Muscheltankstelle, dann singen wir"

 

Steffen Popp (* 18. Juli 1978 in Greifswald)

Gedichtband 118 (auf der Auswahlliste des Preises der Leipziger Buchmesse 2017.)

Das poetische System der 118 Elemente beginnt nicht mit H (Wasserstoff), sondern mit Fe. Das wiederum steht nicht für Ferrum, also Eisen, sondern Fenster:

Klirren, mikrofein, Knistern, subarktisch
stehen am Eisblumenfenster, wie Riesen
gekörnt in die Silber Iltis Sternstäubchen
Schwebe des Zimmers.

Amorph, diaphan, zartseifige Glanzschicht
zwischen Innen- und Außen, vor Augen
die reglose Kühle, Glätte ins Bild eintragen.
Stürzen – hinaus und in sich - verbindet
unter den Freunden auch. Gemalte Scheiben
- Rahmen, Kitt. Spuren von Vogelkrallen.
 

Silvae (gelichtet) - Gedichtband "wie Alpen"

Das Harz läuft aus den Bäumen, wie gewohnt
stehen die Wälder, hölzern und grün
vor meinem Fenster, und überall auf der Erde
wo kein Feld ist, kein Garten
                            kein Haus wie das meine.

Manchmal ein Tier, an der Blattunterkante
eine rehbraune Schießscheibe mit wenigen
Treffern vom Vorjahr –
                                       zwei uralte Pferde
ziehn Holz aus dem Windbruch, mit der Dunkelheit
kommen die Jäger, man sieht ihre gelben
                                             Turnschuhe leuchten.

 

Der Preis in Belletristik geht an Natascha Wodin mit dem Buch "Sie kam aus Mariupol".


Die Eliteraten (Mai 2017)

Der Schreibprozess und die Erschaffung von "Wirklichkeit" durch Sprache

 

1. Wie schreibt ihr? 

2. Was schreibt ihr, wenn ihr schreibt?

3. Was entsteht und wird durch die Sprache in der Sprache real?

1. Aus: Inger Christensen: alfabet / alphabet - planet lyrik @ planetlyrik.de

....

ich schreibe wie das frühe
frühjahr das das gemeinsame
alphabet der anemonen
der buche des veilchens und
sauerklees schreibt

ich schreibe wie der kindliche
sommer wie donner
über den kuppeln des waldrands
wie weißgold wenn der blitz
und das weizenfeld reifen
....

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das schweigen des skeletts
und der nägel der zähne
des haars und des schädels

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das flüstern der hände
der füße der lippen
der haut und des geschlechts

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
die geräusche der lungen
der muskeln des gesichts
des gehirns und der nerven

ich schreibe wie das herz
das klopft schreibt
das rufen des bluts
und der zellen der gesichte
des weinens und der zunge


2. Inger Christensen (Aus "Det/Das", S.171)

Wenn ich schreibe dass der baum auf einer ebene steht

Vielleicht dass er auf einem acker steht Allein

Dass die blätter grau sind Dass der stamm hohl ist

Dass die krone gewaltig und brennend rot ist

Dass er deshalb ein rotdorn ist Dass die krone grün ist

Dass die blätter welkenDass die blüten duften

Dass der baum fungiert Um zu fungieren

Habe ich getan was ich konnte um zu sehen

 

Zum Langgedicht "Det/Das"

(s. Schreibwerkstatt Günter Neuenhofer, VHS-Bocholt, September 2012)

Das
Das ist es
Es ist das ganze
Es ist das ganze in einer menge
Es ist das ganze in einer menge verschiedenes
Es ist das ganze in einer menge verschiedener menschen

....

3. Linea recta (Gerrit Komrij)

Es ist das Horn von einem Rhinozeros.

Es ist die Härte einer dauner`n Faust.

Es sind die Federn eines Flamingos.

E ist der Star der im Obstbaum haust.

 

Es ist der Zweig an dem das Grün erscheinet.

Es ist die Farbe vor der die Liebe weicht.

Es ist der Hass der jedes Ding verkleinert.

Es ist der Zwerg der bis zum Himmel reicht.

 

Es ist der Riese der auf den Toten tanzt.

Es ist das Blut das quillt aus dem Grund.

Es ist das Rot das auf deinen Lippen glänzt

und mit den Lippen suchst du nun mein` Mund.

 


Die Eliteraten (24.Mai 2017)

Sprache und Bild


Inger Christensen – „licht“ (Kleinheinrich) - Leseprobe

Ich erkenne abermals

eine lichtung in der sprache wieder

die geschlossenen wörter

die da sind um geliebt und wiederholt

zu werden bis hin zum einfachen

......

Gedicht-Vergleich: Inger Christensen und Hildegard Knef

Inger Christensen

Du gehst an mir vorbei

Du gehst an mir vorbei

während wir ganz still sitzen

Ich rede an mir vorbei

während du nicht hörst

Wir tun nichts

und ein engel liest uns auf


Hildegard Knef

Liedtext: Du, du gehst an mir vorbei

Du, du gehst an mir vorbei

es ist ja einerlei, ausgelöscht

was einmal war mit uns und unsrer Liebe


Oft glaub ich, ich wär bei dir

und du, du sprichst mit mir

wie es einst war, ganz früher war

 

Doch die schönen Stunden sind vorüber

und andre Menschen sind dir lieber

dich quält nicht wie mich Sehnsucht

 

Du, du gehst an mir vorbei

es ist ja einerlei, Lebewohl

und Goodbye


Ria van Krieken

In de schilderijen die over het groningerland, de polders, kwelders, Dollard en het wad gaan hebben de schuine lijnen hun intrede gedaan. Flarden tekst geven de dingen hun plaats

 

Die Eliteraten (31. Mai 2017)

Nutze folgende Formeln zur Strukturierung eines eigenen Gedichtes:

1. "Hier steht ein... In diesem gibt es nicht... Keine..." (Hier steht ein Gedicht, R.D.Brinkmann)

2. "Die Geschichtenerzähler machen weiter", (Alles macht weiter von Rolf Dieter Brinkmann)

3. "Sie werden hier nichts hören, was Sie...." (aus Publikumsbeschimpfung von Peter Handke)

Rolf Dieter Brinkmann - Poetenladen

Hier steht ein Gedicht ohne einen Helden. In diesem Gedicht gibts keine Bäume. Kein Zimmer zum Hineingehen und Schlafen ist hier in dem Gedicht. Keine Farbe kannst du in diesem

Gedicht hier sehen. Keine Gefühle sind in dem Gedicht. Nichts ist in diesem Gedicht hier zum Anfassen. Es gibt keine Gerüche hier in diesem Gedicht …

… fehlt in dem Gedicht hier. Es ist nicht Montag, Samstag und Sonntag in dem Gedicht. Das Gedicht hier ist nicht die Verneinung von Montag oder Donnerstag. Das Gedicht hört hier einfach auf.

Alles macht weiter (Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1 & 2, 1975)

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die

Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das

Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf,

die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht

Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt

werden, Bewegungen in den Zimmern, durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist, Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz, wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken, mitten in der Innenstadt, ein Bauzaun ist blau gestrichen, an

den Bauzaun ist ein Schild genagelt, Plakate ankleben Verboten, die Plakate, Bauzäune und Verbote

machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstadt macht

weiter, die Vorstädte machen weiter... Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen.

Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.

vgl Ernst Jandl:

Leise unruhe an ruhigen tagen sitzen und fragen: geht es immer so weiter? (7x) ... ach ginge es doch immer so weiter (s. Literaturkreis 2015,I)

Publikumsbeschimpfung (s. VHS Schreibwerkstatt Bocholt 2012, Peter Handke) ....

Sie werden hier nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben. Sie werden hier nichts von dem sehen, was Sie hier immer gesehen haben. Sie werden hier nichts von dem hören, was Sie hier immer gehört haben.

 

 

Die Eliteraten schreiben und fotografieren (Juli 2017)

1. Arie Grevers Gedichte (Dichter bij het bild)

"Sprach-Spiegelungen"

Lyrische Dialoge: "Wortwürfe"zu fremden Gedichten

Arie Grevers

"Wortwürfe" zu Ari Grevers slecht wegdek met 11 deutschen Worten gedeutet von g.n. und katja perricci.

Waar knokigheid de spanning breekt - im Altenheim wohnen- rustoord voor bejaarden

Zie

weiße mauern

ik stap uit

die wohnhöhlen

loden schoeisel

halten mich fest

en schud klinkers

für ein leben hier

uit de aderen

fließt tod

trek

in die blumentöpfe

barrevoets sporen

über asphalt

in het natte sand

fehlt jegliche freude

dat ontspant als

reisbrettzeichnung

de druk is

ein entschluss ein ende

weggenomen

die kurze zeit

...

de tijd deelt wat

nog asfalt

is en wat geweest

weg vanhier weg

vanhier

als de mier die

weet Waarheen

 

Katja Perricci  zu Aries „slecht wegdek“

Weil ich raus will

aus der Jacke der Zwänge,

lege ich mich den Steinen in den Weg.

Asphaltumschlungen versickere ich

in die andere Welt unter der brüchigen Straße,

wo die Zeit nur barfuß vergeht

und Ameisen auf ewig unzerdrückt bleiben.

Katja Perricci,  08/2017

1. Limerick (k.p.)

Ein Ameisenfräulein aus Haltern

empfand große Freude beim Altern.

Schön flog sie davon

ganz ohne Kokon.

Vielleicht stammt sie ab von den Faltern.

                                                  

2. Limerick (g. und chr.)

Ein Meislein sang asphaltumschlungen

ein Liedchen mit halbvollen Lungen

so abgrundig voll

mehr in Dur als in Moll

das A hat sie freudig verschlungen

Arie Grevers: Grens (Installation auf einer Säule in Doetinchem)

 

Schrijf me de klanken

van en schriftloos alfabet

om met loden tranen te huilen.

Zet me wat bedrukt op scheerlijnen

van een talige luchtspiegeling.

Boekstaaf me het moeizame klauteren

tussen wal en ark

als in den beginne het woord

dat afvalt op de waterscheiding:

grens

(Übersetzung)

Schreib’ mir die Klänge

eines schriftlosen Alphabets

um mit bleiernen Tränen zu weinen.

Setz’ mir was bedrückt auf Spannschnüre

einer sprachlichen Luftspiegelung.

Buchstabier’ mir das mühselige Klimmen

zwischen Ufer und Arche

so wie am Anfang das Wort

das abfällt auf die Wasserscheide:

Grenze

Variation zu Arie Grevers Grens-Gedicht von g.n.

niemandsland

zeit 'n kunst

als mens

zoals altijd

en soms

grenzenloos

die zeit hält sich

steht in moorigen tümpeln mit bleiernen füßen

verweint in ziffern den tag

die jahre bedrückt

kein entkommen

zet wat bedrukt in scheerlijnen

cijferloze tijdspiegeling

talig bezongen moeizam beklauterd

van daag tussen wal en ark

boekstaaf de tijd

nu en immer begrensd

die zeit und die worte bleiben

altijd grenzenloos

geschrieben wann und wo

2. Projekt "Nana", BellaFiguras vs Revoltierende Frauen

3. Stürbe ich..

wer sagt dir: geh

rühr dich nicht an stürmischen tagen

ich sag dir: sieh

der tod ist ein stürzen in den bergen

wer geht voran

über rücken und grate

ich sag: die tür ist nicht für dich

vertraue meinen worten

die traurige ouvertüre ist für dich keine lektüre

bleib bei der süßen konfitüre (g.n.)

Stürbe ich

an einem stürmischen Tag

bei einer traurigen Ouvertüre,

also stürzte ich mich in den Tod

wie in der ergreifendsten Lektüre,

als wäre der Tod ein Ozean, bau oder türkisfarben,

einerlei - und am Mundwinkel noch ein Rest Konfitüre,

wie schaffte ich es, durch diese bittere Tür  zu gehen,

wäre nicht Einer vorangegangen? (Katja Perricci)

Eine junge Frau kroch aus übergroßer Leselust zu tief in ihre Geschichte hinein wie in ihr Bett, deckte sich zu und erstickte. Eine zweite junge Frau kroch ebenfalls in die Geschichte und begann, sich in das Bettlaken einzuwickeln, aber in ihrer übergroßen Leselust erstickte sie. Dann kroch eine dritte junge Frau in die Geschichte, dann eine vierte. Als auch sie an der Geschichte erstickt waren, hatte ich die Nase voll, nahm einen Schluck Kaffee aus der Tasse und hoffte auf eine angenehmere Geschichte/Zukunft. Krieche deshalb nie in ein Buch mit einer Nachbarin! Lebe deine eigene Geschichte! (gn)

4. Franz Kafka (Beispiele für Erzählstruktur und Sprache)

Infos zu Kafka

Von 1908 bis 1922 arbeitete Kafka in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen" (AUVA). Für ihn bedeutete das zwei Leben: Von 8 bis 14 Uhr befasst er sich mit Arbeitsunfällen in Fabriken und wie sie zu verhindern wären. Er plädiert für die Einführung runder Wellen in Hobelmaschinen statt der gefährlichen Vierkantwellen und schlägt sich mit Fabrikanten herum, die sich gegen die Versicherungsbeiträge wehren.

Und nachts, wenn die Wohnung endlich ruhig geworden ist, schreibt er seine Geschichten. Welches Leben sein eigentliches ist, stand für ihn fest, aber seinen Eltern hätte er es nie begreiflich machen können: "Er hat das Bewusstsein gehabt, dass er in der Sprache lebt. Die Sprache war sozusagen sein Sauerstoff, sein Lebensstoff", sagt sein Biograf Reiner Stach.

Die Verwandlung (Anfang und Ende des Textes, Kap.18, 19)

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war – Samsa war Reisender – hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.

Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter – man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann..........

Im übrigen fühlte er sich verhältnismäßig behaglich. Er hatte zwar Schmerzen im ganzen Leib, aber ihm war, als würden sie allmählich schwächer und schwächer und würden schließlich ganz vergehen. Den verfaulten Apfel in seinem Rücken und die entzündete Umgebung, die ganz von weichem Staub bedeckt waren, spürte er schon kaum. An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, daß er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester. In diesem Zustand leeren und friedlichen Nachdenkens blieb er, bis die Turmuhr die dritte Morgenstunde schlug. Den Anfang des allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor......

Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und Frau Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Plage, die ihre Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.

Das Urteil, 1913 (Anfang und Ende des Textes)

Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.......

»Du hast mir also aufgelauert!« rief Georg.

Mitleidig sagte der Vater nebenbei: »Das wolltest du wahrscheinlich früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr.«

Und lauter: »Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! – Und darum wisse; Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!«

Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war hinaufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen.

»Jesus!« rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinabfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.

5. Martin Heidegger zum Thema "Sprache":

"Das Sein von jeglichem, was ist, wohnt im Wort." - “Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung. Ihr Wachen ist das Vollbringen der Offenbarkeit des Seins, insofern sie diese durch ihr Sagen zur Sprache bringen und in der Sprache aufbewahren.”


Die Eliteraten (Sept. 2017)

"Wortwürfe" - "Worte rufen Worte hervor."

Verse bzw. Worte Hölderlins als kreative Impulsgeber für eigene Verse

Aufgabe: Benutze die Verse eines Hölderlin-Gedichtes (z.B. Versanfänge oder andere kleine Wortgruppen) und schreibe dazu assoziativ eigene Verse. Es entstehen Variationen bzw. Gedichtzyklen zu Hölderlin-Versen.

Friedrich Hölderlin (*1770 in Lauffen am Neckar; †1843 in Tübingen) zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern.)

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Palimpsest und Parodie (www.siegfried-busch.de: 2008 unter Verwendung von Hölderlins„ Schicksalslied“ und „Hälfte des Lebens“) MetropoliS21

Ihr wandelt droben im Licht,
Auf Halbhöhenlagen, Stadtplaner, Aktionäre, Investoren!
Frisch umsäuseln euch Lüfte leicht,
In Doppelgaragen Mercedes und Smart.

Doch uns ist gegeben
An keiner Stätte zu ruhn,
Es fahren tief unten die einfachen Menschen
Wie Rohrpost von Bahnhof zu Bahnhof geworfen,
atmen Tunnelluft in tiefer Station.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es unten ist, die Aussicht, und wo
Den Sonnenschein?
Betonwände stehn
Sprachlos und kalt.
Mein Stuttgart - wohin denn du?

MENONS KLAGEN UM DIOTIMA

1.
Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,
Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,
Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,
Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,
Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;
Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm,
Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher.
Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der Nacht hilft,
Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.
Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches Heilkraut
Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt,
So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand
Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?

(insgesamt 9 Strophen)

Ein Anderes immer (Variante zum Originaltext von g.n).

Menons neue Klagen im alten Odenton

Wie lange seh ich dennoch die Blumeninseln des Sommers?

Täglich geh ich heraus im Blick verglühtes Erleben.

Habe längst sie befragt weisere Denker der Zunft

Droben verschwinden die klärenden Grenzen im grellen Licht

Und die Quellen verströmen donnernd sich breit zu tosendem Lärm.

Ruh erbittend gedenk ich der ruhigen Sommerblumzeit.

So, ihr Lieben erträum ich mir Inseln des inneren Glücks.

Doch die Frage nach Wahrheit bleibt grundlos in Zweifeln erstarrt.

Abendphantasie (Friedrich Hölderlin, Ode von 1799)

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -
Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Bei Friedrich Hölderlin ist die 3. asklepiadische Strophe die am häufigsten nachgebildete, zum Beispiel in Heidelberg, Sokrates und Alcibiades und wie hier in dem zweistrophigen Gedicht

Abbitte

Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene
Götterruhe dir oft, und der geheimeren,
Tiefern Schmerzen des Lebens
Hast du manche gelernt von mir.

O vergiß es, vergib! gleich dem Gewölke dort
Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du
Ruhst und glänzest in deiner
Schöne wieder, du süßes Licht!

Horaz (65 - 8 v. Chr., römischer Dichter).

"Carpe diem" aus der Ode „An Leukonoë“ (23 v. Chr.)
(dt. „Genieße den Tag“ oder wörtlich: „Pflücke den Tag“)
....

spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.

verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!

Das Metrum (Versmaß) der Ode ist der asclepiadeus maior:
— — | — v v — | — v v — | — v v — | v x

Christian Morgenstern parodierte das berühmte Lied des Horaz 1896 als „Studentenscherz“.

Horatius travestitus I, 11

Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
.... Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, m'amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!