Auf einem Tiermarkt im fließenden Wasser eines Wadis

Mit Kamelen im Djibal al-Khadra 2004
südwestlicher Jemen, 20.11.2004 – 4.12.2004


Eindrücke und Meinungen und eine Auseinandersetzung mit dem Islam

Reisestationen

1. Sanaa (1,653 000 E.) ;

2. Aden (510 000 E.); Djibal al-Khadra (6 Tage mit Kamelen): al Turbah, Duba, Djabal al-Ruwi, Mashawila, - Wadi Sachja, Wadi Barakani, Wadi Khanis, Djebel al Manar, Djebel al Sawa, Djebel Habashi, Yafrus, Wadi Dhahab

3. Taizz (407 000 E.), Khawkhah, Zabid, Menacha, Hajjarah, Thula, Kaukaban, Wadi Dhar, Sanaa  (Mit Nomad-Reisen)

1. Kapitel


Moschee in der Tihama, Wüste bei Mocha

1. Erwartungen. Die Farben des Jemen im November. Ein deutscher Migrant  berichtet: Angler, Verbrecher, Frauen. Die Märchenstadt Sanaa.


Felder in der Tihama bei Sabid

Sa 20.11.20

Die Farben des Jemen im November.

Erwartungen

Ich erwarte einen grünen Jemen. Deshalb fahre ich nicht im Februar, denn dann ist der Jemen verbrannt und alles ist braun, hatte Julietta, die Jemenexpertin, mir gesagt.  Die ersten Mitreisenden meiner neunköpfigen Reisegruppe, die ich treffe, erwarten einen wüstenähnlichen Jemen. „Ach, wir wollen kein Grün mehr sehen. Wir kommen aus einer grünen Welt, wir wohnen im Bayerischen Wald, da sehen wir immer grüne Bäume.“ „Liegt jetzt schon Schnee bei euch?“ „Ach, es  ist immer noch genug Grün da! Wir möchten gerne mal in die Wüste.“

Werden wir durch eine Wüste wandern, über Steingeröll wie im Djol, dem Landstrich zwischen Indischem Meer und dem Hadramaut, oder durch grüne Wadis mit Palmen und Hirsefeldern und zwischen grünen Kaffee- und Qat-Terrassen?

Von einem Jeep aus die exotischen Schönheiten des Jemen zu erleben, ist bequem. Da gibt es die Standardorte, die Weltkulturerbe-Orte, die von allen Reisegruppen angefahren werden, die auch wir in der zweiten Woche berühren werden. Die weißen Lebkuchenhäuser in Sanaa, die grauen Steinhochhäuser in Hajjara oder die goldfarbenen Steingassen von Thulla. Hier treffen wir auf die mit einem Mundtuch geschützten Japaner, die Italiener und die Franzosen, die wie wir keine Angst vor den jemenitischen Terroristen haben.

Im Flugzeug der Yemenia: enge, schmutzige, abgesessene Sitze. Nur 50% besetzt. Zwischenlandung in Rom. Nur wenige Italiener steigen zu. Neben mir sitzt ein Hesse, der mit einer Jemeniten verheiratet ist. Sein Haus steht in Mukalla, an der Küste des Indischen Ozeans. Was er erzählt, klingt mir fast unglaublich.


Der Bergjemen: Turmhäuser in Hajjara

Angler, Verbrecher, Frauen
Ein deutscher Migrant  berichtet.

Es gibt Menschen, die fliegen für eine Woche in den südlichen Jemen, um dort eine Woche zu angeln. Von den verschiedenen wunderbaren Landschaften und Kulturgütern sehen sie nichts, von den Menschen und ihren Lebensformen sehen sie nichts. Mein Gesprächspartner gesteht mir, dass auch er außer Mukalla (157 000 E.) und Shibam nichts vom Jemen gesehen habe.

„Dazu habe ich keine Zeit, ich bin voll mit der Organisation der Angelausflüge beschäftigt. Ich bleibe zwei Tage in Sanaa, regle das Geschäftliche und fliege dann weiter nach Mukalla. Mit meinem Boot fahren die Angler hinaus aufs Meer, um dort „nur am Seil“ zu angeln. Viele Fische gibt es hier, jetzt kommen die Thunfischschwärme. Ich bin nur einmal als Begleiter eines Anglers mit dem Bus nach Shibam gefahren und am gleichen Tag wieder zurück. Nein, die bunten Lehmhochhäuser im Wadi Doan und Wadi Schischbum kenne ich nicht, auch die Kaffee- und Qat-Terrassen im Bergjemen kenne ich nicht.

Im Sommer betreue ich Anglergruppen in Norwegen.“ Auf meine Frage, was er mit den gefangenen Fischen mache: „Den Fisch kann ich nicht allein essen, das ist zuviel. Ich verschenke ihn. Vor 15 Jahren bin ich auch schon mal zum Angeln bis zur Insel Sokotra gefahren. Da ist mir was Seltsames passiert. Damals sind die Kinder hinter mir hergelaufen und haben in Chören gerufen „Jude, verschwinde.“ Als ich sie wütend verfolgt habe und einen Jungen gefangen und festgehalten habe, sind die Einwohner gekommen und haben mich um Verzeihung gebeten und mich zum Tee eingeladen. Die Jemeniten sind ganz in Ordnung. Sie brauchen nur eine starke Hand. Sie sind wie Kinder. Man muss sie nur entsprechend behandeln.

Im Jemen tragen wohl viele Männer eine Waffe, aber es passiert nicht soviel. Eine starke Hand und der Koran verhindern das. Ich verstehe nicht, dass in Deutschland Verbrecher für Stunden oder Tage frei umherlaufen können. In Deutschland bringen sich immer wieder Menschen um. Hier werden Mörder erschossen und dann zur Abschreckung drei Tage aufgehängt. Jeder kann die Leichen im Gericht sehen. In Sanaa ist vor kurzem ein Verbrecher zu zwei Strafen verurteilt worden, weil er zwei Verbrechen begangen hat. Zuerst hat man eine Hand abgehackt und im Torbogen vom Bab Al Yemen aufgehängt und dann ist der Mann einige Tage später erschossen worden.“

(In der taz vom 2.9.97 stand, dass neben dem Erschießen und Erhängen innerhalb weniger Monate in Makalla mehrmals Todesurteile durch eine öffentliche Kreuzigung vollstreckt worden seien als Abschreckung bei Mordfällen. Die FAZ berichtete am 13.3.2000, dass ein Mann, der seine Töchter missbraucht hatte, vom Gericht zum Tod durch Steinigung verurteilt worden sei.)

„Vom Krieg zwischen den beiden Jemen sieht man nichts mehr. Die Panzer an der Straße nach Bir Ali sind verschwunden. Nur die Minenfelder sind geblieben. Da stehen überall Schilder. Meine Frau bleibt während der Zeit in Mukalla in meinem Haus, das zwischen den Häusern von einfachen und armen Leuten steht, die nicht lesen können. Die Heirat war nicht einfach. Erst nach langem Palaver und nachdem alles mit meinem Schwiegervater in einem Vertrag besiegelt worden war, konnte ich heiraten. Bei einer Verheiratung haben die Brautväter das Sagen.“

„Im Jemen kann ein Mann sich auch mehrere Frauen nehmen, wenn es ihm finanziell gut geht, aber meine Frau würde mir dann die Augen auskratzen. Das geht nicht. Als der Südjemen noch sozialistisch und unabhängig war, da war die Mehrehe verboten. Nach dem Sieg des Nordens ist das Verbot mit anderen fortschrittlichen Gesetzen zum Familienrecht aufgehoben worden. Damals hat sich sogar der Parteisekretär der sozialistischen Partei, die das Gesetz eingebracht hatte, eine Zweitfrau genommen. Jetzt gilt wieder die Scharia, nach der die Frau nicht das Recht auf Scheidung hat und der Mann sie nur benachrichtigen muss, wenn er eine neue Frau heiratet.“

(Die Erzählung wird in einem Bericht der taz vom 26.11.93 bestätigt. 1973 hieß es im südjemenitischen Familienrecht „Die Ehe ist ein Vertrag zwischen Mann und Frau, die einander gleich sind in ihren Rechten und Pflichten.“)

„Hier in Mukalla hat sich der traditionelle Islam durchgesetzt. Alle Frauen sind verschleiert. Hier ist es noch nicht einmal erlaubt, die eigene Frau auf dem Moped mitzunehmen. Als ich mit meiner Frau auf dem Moped gefahren bin, haben meine Freunde gesagt, das könne ich doch nicht machen. In Shibam dagegen habe ich das gesehen, dort ist es möglich, die Frau auf dem Moped mitzunehmen. Es geht aber aufwärts. Allmählich kommen die Jungs in die Gänge. Jetzt gibt es schon den ganzen Tag Strom durch einen Generator. Sogar Laternen sind an der Küstenstraße aufgestellt worden. Die brennen täglich, obwohl hier kaum Autos fahren. Die elektrischen Leitungen sind eine Katastrophe. Wenn es mal regnet, dann knallen die Sicherungen durch. Ich hab selbst mal eine Leitung geerdet.“

„Ich habe ein kleines Kind, das gerade von der deutschen Botschaft legalisiert worden ist. Es laufen zu seiner Anerkennung als Deutscher noch weitere Aktionen in Berlin, aber die dauern noch zwei Jahre. Mein Kind hat dann zwei Staatsbürgerschaften.“

„In Deutschland kann ich nicht mehr leben, da ist alles zu eng. Sicher, in Mukalla ist es im Sommer unerträglich heiß. Die Klimaanlage kann das Haus nur auf 30° C. herunter kühlen, mehr geht nicht. Meine Familie schläft dann immer unter freiem Himmel, aber ich bin im Sommer ja nicht im Jemen, sondern in Norwegen.“

Nachdem er mir so sein Leben und seine Auffassungen vom Leben vermittelt hat, schließt er die Augen, und setzt sich etwas bequemer hin, soweit das überhaupt möglich ist, um zu schlafen. Auf seinem rechten Arm wird eine Tätowierung sichtbar: ein Gesicht, ein Tierkopf und einige Zahlen.

Ich schlage meine Reiselektüre auf: „Ein ausgebranntes Leben“. Das Buch spielt während des Ausbruchs des Krieges zwischen Nord- und Südjemen. Die Hauptperson, ein Entwicklungshelfer und Hydrologe aus der DDR, erzählt von der Verstrickung seines Vaters in die Naziherrschaft und seinen Reaktionen, erzählt von lebensgefährlichen Situationen, stößt auf Spuren seines Schulfreundes, der in den Westen gegangen ist, und versucht ihr Verhältnis zu den Menschen und zur Weltpolitik dialektisch zu sehen.

Ob auch das Leben meines Nachbarn ähnlich umfassend durchdrungen ist von dem, was sich in Deutschland und in dem Jemen durch die politische Vereinigung und durch die sozialen und religiösen Veränderungen getan hat?


Ein asphaltiertes Flussbett als Schnellstraße neben der Altstadt

Die Märchenstadt Sanaa

Die ersten Häuser von Sanaa in der Nacht. Keine Menschen sind auf der Straße. Die Menschen haben ihren Lebensrhythmus wieder normalisiert, die Nacht ist wieder zum Schlafen da. Im Ramadan wurden die Nächte zum Tage gemacht. Nach Beendigung des Fastenmonats sind auch viele Einwohner aufs Land gefahren. Im Dämmerlicht der schwachen Straßenlaternen suche ich nach den Lebkuchenhäusern aus dem Bilderbuch von Arabia felix. Vor dem dunklen Himmel dunkle Schatten. Sauber, als ob die Reinigungskommandos allen Zuckerguss abgekratzt hätten. Die glatte Asphaltstraße führt durch das geputzte Flussbett geradewegs zu unserem Hotel, das uns durch seinen Namen einen direkten Eintritt ins glückliche Paradies des Jemen verheißt. Durch Torbögen, verwinkelte Gänge, über Treppen und durch Innenhöfe gelangen wir ins Märchenhaus Arabia felix, unser Hotel für eine Nacht.

Es ist nicht einfach so unvorbereitet über hohe Stufen und Wendeltreppen bei Kerzenlicht ins Innere einzudringen und wieder herauszufinden. Prompt verirre ich mich und taste mich mit einer Taschenlampe einen fünfstöckigen Wohnturm hinauf bis aufs Dach. Von oben erst zeigt sich unten in den schmalen Gassen der Zauber der Altstadt. Spitzweg-Atmosphäre. Ritterburg-Romantik. Schluchten ohne Menschen. Ein Spiel von Schatten an Wänden. Über Rohren, Gerümpel und Sandhaufen suche ich den Weg zur knarrenden Tür, die Stufen hinab ins Labyrinth der Etagen und Zimmer zu meiner zugewiesenen Unterkunft.

Hinter einer sehr niedrigen Holztür vermute ich mein Zimmer, steige zwei Stufen, neige den Kopf, schiebe mich vorwärts durch eine niedrige, schmale Öffnung, wende mich nicht nach links zur kleinen Tür mit den arabischen Inschriften, nicht zur Tür geradeaus, nicht nach links um die Ecke zu den 50 cm hohen Stufen der Wendeltreppe, sondern nach rechts, sehe zwei Stufen tiefer einen dunklen Raum, taste die Ränder nach einem Lichtschalter ab, hoffe, rechts hinter der weißen Wand liegt mein Zimmer. Ein Hocker mit Lampe, weiße Wände, ein Bett und meine Reisetasche.

Aber wo liegen Toilette und Waschraum? Der Weg hinaus aus meinem Zimmer: geradeaus eine glatte, weiße Wand. Links wieder eine dunkle Holztür. Ich steige zwei Stufen hoch, drücke die Tür auf, wende mich nach rechts, beuge meinen Rücken und will eine Stufe tiefer– rummms – schlägt mein Schädel gegen einen zweiten Wulst oberhalb der Tür. Meinen Schädel betastend und reibend betrete ich im hinteren Bereich des „Flurs“ gebückt einen rosa gekachelten Raum. Rechts eine europäische Toilette, links ein Waschbecken. Schwere, niedrige, weiße Balken mahnen zur Vorsicht. Hinter dem letzten Balken ein Brausekopf. Geradeaus auf einer Ablage vor einem kleinen Fensterchen steht eine Papierrolle. Ich hebe die Holztür an, um sie zu verschließen, schiebe einen Riegel vor und das Geschäft kann in gebückter Haltung beginnen.


Unsere Reisegruppe in der Altstadt von Sanaa

So 21.11.

Am Morgen, als mit den vielstimmigen Tonbandstimmen der Muezzim das Tageslicht durch drei kleine „Schießscharten“ in mein Schlafzimmerchen dringt, kann ich meine mit farbigen Wand- und Deckentüchern drapierte Höhle richtig sehen. Vor der Tür war ein quadratischer, fensterloser Platz, an dem einige Türen und Nischen lagen, dahinter ging es zur Wendeltreppe und zur anderen Seite zu einem Anbau, in dem sich das gekachelte Badezimmer befand. Die Wege waren voll Tücke, weil es immer wieder überraschende Stufen und niedrige Ein- und Durchgänge gab. Wenn man auf die Stufen achtete, war der Kopf der Leidtragende, achtete man auf die niedrige Kopfhöhe im Gebäude, stolperte oder fiel man in einen weiteren Raum. Gerne hätte ich gewusst, welchem Zweck die Räume in früheren Zeiten gedient haben, gerne hätte ich einen Nutzungsplan des gesamten Hauses eingesehen. Im grünen Innenhof finden alle Gäste wieder zurück zur Gegenwart: Getränke, Brot und Aufstrich für die verschiedenen europäischen Geschmacksrichtungen. Die Italiener und die Franzosen haben schon hinaus gefunden in diesen idyllischen Frühstücksgarten.Vom Guide erfahre ich später, dass dieser Hof früher als Aufenthaltsraum für Tiere diente. Der große Esssaal war der Stall.

Wir Deutsche werden von Adil, dem Scheich vom Stamme der Duba, Herr über 70 000 Menschen in 300 Dörfern, begrüßt. Er führt uns durch die Altstadt von Sanaa. Wie unser Hotelhaus bestehen viele Häuser aus mehreren Wohntürmen, die jeweils bei der Vergrößerung der Familie angebaut wurden. Dieses Mal betrete ich die Altstadt nicht vom berühmten Stadttor Bab Al Yaman, sondern vom Wadi her. Auffällig ist wieder die Sauberkeit in den Straßen. Als ich vor elf Jahren Sanaa besuchte, lagen hohe Abfallhaufen auf der Straße. Viele Häuser sind inzwischen restauriert worden.

Personenkult um Saleh

Auffällig sind auch die vielen Porträts vom Präsidenten Saleh, der seit 25 Jahren regiert, und das Symbol der regierenden Partei, ein Pferd, an Häuserwänden. Die distanzierte Haltung der Jemeniten zur Regierung kommt in Witzen zum Ausdruck: Was hat ein Pferd im Kopf? Nichts. Was haben die Regierenden im Kopf? Nichts. Adil hält nicht mit seinen politischen Einstellungen hinter dem Berg. Da kommt der Scheich von Marib zum Saleh und sagt: Unser Stamm muss auch in der Regierung sein. Also macht Saleh ihn zum Minister, obwohl der Scheich weder etwas weiß, noch etwas kann, aber er erhält ein Gehalt. Oder da ist der Gesundheitsminister, der seinen Etat nicht ausgibt, sondern ihn selbst einsteckt, weil das Geld nicht gebraucht worden sei. Die Oppositionsparteien werden unterdrückt, Parteimitglieder aus wichtigen Positionen entlassen. „Früher hatten wir einen Iman, jetzt viele. Unsere Staatsform hat sich zu einer modernen Monarchie entwickelt. Saleh hat seinen Sohn schon zu seinem Nachfolger bestimmt.“

Nach diesem Nachmittag erklärt uns Adil, er müsse aus Krankheitsgründen die Führung der Gruppe abgeben. Unsere neunköpfige Reisegruppe bekommt einen anderen deutschsprachigen Führer, Shukri, den missionarischen Moslem, der von dem einzigwahren Gottglauben der Sunniten überzeugt ist.

Allah und Marx

Wie stehe ich da als jemand, der nicht an die unumstößlichen Offenbarungen des Korans glaubt, ja noch nicht einmal an die Existenz eines persönlichen Gottes, jemand, der nicht an Gott glaubt, hat nach Mohammed keine Existenzberechtigung. Wie ist es mit den Marxisten im Jemen? Der Südjemen war eine kommunistische Volksrepublik. War die Religion für sie nur ein Machtmittel der Herrschenden zur Unterdrückung des Volkes? Lehnten sie die Religion als Opium fürs Volk ab?

Der Koran (IX,29) sagt:

Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und das Jüngste Gericht glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Prophet verbieten; die nicht der wahren Religion folgen, obschon sie zu den Leuten gehören, die eine offenbarte Schrift erhalten haben – kämpft, bis sie in Erniedrigung Tribut entrichten.

In einem Interview mit Jemeniten zum Südjemen lese ich, „Sie haben ja keine Ahnung. Abgesehen davon, dass man Kommunismus kaum mit Fortschritt verbinden kann, haben die damaligen Diktatoren in diesem Land gerne das Geld der Russen genommen, gleichzeitig zu Allah gebetet.“ Dann versucht der Sprecher die indifferente Haltung der Jemeniten in witziger Weise so auszudrücken.

Kommunismus? Insh'Allah
Kein Kommunismus? Insh'Allah
elektrisches Licht? Insh'Allah
kein elektrisches Licht? Insh'Allah

Und erfügt hinzu: Man kann diese Reihe beliebig mit allem, was wir unter Fortschritt verstehen, fortsetzen. Die Antwort wird immer die gleiche sein.

Auf dem Flughafen müssen wir wegen eines technischen Defektes zwei Stunden auf das Flugzeug nach Aden warten. Vielleicht hat man versucht, den defekten Druckausgleich zu reparieren, was aber nicht gelungen ist, wie wir während des Fluges an den Schmerzen in den Ohren feststellen können.


Im Souk von Sanaa

Menschen hinter schwarzen Schleiern

Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was außen ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehegatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehegatten oder ihrer Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder denen, die ihre Rechte besitzt (Sklavinnen), oder ihren Dienern, die keinen Trieb haben, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. (Sure 24 Vers 31)

Die Frage, mit welchen Augen sollte man die tief verschleierten Frauen auf den Straßen sehen, bewegt mich immer wieder. In meinen Augen werden die Frauen durch die Schleier zu schwarzen, gesichtslosen Objekten, während die Männer sich nach individuellem Geschmack kleiden können, traditionell mit Rock oder Kittel oder westlich mit Hose und Hemd. Sie nehmen sich das Recht, sich mit unbedecktem Kopf oder mit Turban zu zeigen. Sie zeigen ganz selbstverständlich ihr nacktes Gesicht, ihre nackten Arme, ihre nackten Beine, während viele Frauen jeden Zentimeter ihrer Haut bedecken, sogar bei der Arbeit und in der sommerlichen Hitze auf den Feldern. Eine unglaubliche Unterdrückung der Persönlichkeit der Frau durch die Männer bzw. durch den Koran. Ja, sagt eine Mitreisende, das ist deine Ansicht, du überträgst deine Wünsche auf die Frauen hier, aber viele moslemische Frauen wollen einen Schleier tragen. Damit fühlen sie sich sicherer. Im übrigen möchtest du sie wohl als Mann sehen.

Auf die Sicherheit der Frauen vor der Geilheit der Männer weist schon der Koran hin.

O Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, dass sie sich in ihren Überwurf verhüllen. So werden sie eher als anständige Frauen erkannt und nicht verletzt. (Sure 33 V. 59)

Neben dem Argument der gesellschaftlichen Vorzüge der Verhüllung (Der Umhang als Sicherheitsgurt) gilt die Verhüllung als antiwestliches Symbol für die Bewahrung traditioneller Werte.

Im Jemen verschleiern sich die Frauen  mit dem schwarzen sharshaf, der buntbedruckten rötlichen „sitara“ (meist ältere Frauen) oder der balto, einem Regenmantel (meist gebildete Frauen mit Autorität).

Im Gottesstaat Iran verpflichtete das 1983 erlassene Islamische Strafgesetz alle Frauen und Mädchen ab 9 Jahren bei Strafe von 74 Peitschenhieben zum Tschador (Zelt), d.h.Ganzkörperumhang oder langer Mantel, Hose, geschlossenes Kopftuch ohne sichtbares Haar, Strümpfe, geschlossene Schuhe, alles in dunklen Farben, kein Make-up. (s. FAZ, 17.2.05, Unterm Hedschab)


Im Souk von Sanaa

weitere Dokumentationen zum Schleier:
http://www.angelfire.com/sd/AnisahDavid/differentfashion.html
http://www.skidmore.edu/academics/arthistory/ah369/finalveil.htm

Forts. Kap. 2