Bhutan

Die geheimnisvolle Welt der Meditationsklöster


Buddhistisch-lamaistisches Felsenkloster von Taktsang

Auf braven, kleinen Pferdchen reiten wir durch den lichten Kiefernwald, über Bäche, zwischen großen Felsblöcken bergauf zum Bergrestaurant Taktsang. Von hier aus haben wir einen direkten Blick auf das berühmteste Kloster Bhutans, das sog. Tigernest. Angekommen steige ich noch weiter hinauf, der Weg wird steiler, der Wald dichter, die uralten Bäume tragen einen dicken Pelz von Moos, von den Ästen hängen meterlange Flechten wie graue Bärte und in den Astgabeln sitzen Farne und andere schmutzigbraune Schmarotzer. Die Sonne durchdringt hier nicht mehr die Blätter. Der Boden ist schwarz und sumpfig. Ein Wohnort der Bergdämonen. Notwendige Durchgangsstationen auf dem Weg zu den Meditationsklöstern fernab von den Siedlungen? Nach einem letzten Steilanstieg erreiche ich den Weg zum ersten Kloster, das wie eine kleine Burg auf einem Felsabsatz liegt. Gerade kommt ein jüngerer Mönch heraus. Er trägt zu einem braunen Rock und einem weinroten Umhang einen dunkelroten Rucksack. Neugierig schauen wir uns an. Ich frage, ob ich ins Kloster dürfe. Er nickt, legt seinen Rucksack ins Gras neben einen hohen Chörten, von dessen orangerotem Farbband die großen Schieferbilder vom Guru Rinpoche auf uns herabblicken. Ich denke nicht daran, mir die Zeit zu nehmen, das quadratische Gebäude zu umrunden. Der Mönch ist schon über die alte Steinpflasterung vorausgegangen zu einer Steintreppe, die auf einen kleinen, mit einem Mäuerchen eingefaßten Vorplatz führt, ein weiterer Ort des Einhaltens. Wir stehen vor einer hohen Mauer. In der Mitte ein Torbogen mit einem alten Holztor - keine Bastion gegen zornige Dämonen. Der Mönch drückt die Türflügel auf, dahinter im Halbdunkel Gerümpel, Schuppen, eine alte Frau, die verschüchtert und erstaunt mich anblickt. Wir stehen auf einem Zwischenhof vor dem eigentlichen Klostergebäude, zu dem eine weitere Steintreppe hinaufführt. Diesmal umkreisen wir das Gebäude im Uhrzeigersinn. Nur wenige Meter Platz ist zwischen dem Haus und dem Abgrund, der uns von der übrigen Welt trennt. Hier stehen wir schon fast außerhalb der Welt, wenn nicht der Blick wäre, der weit über die Bergwälder reicht und soviel Sonne und Wolken einfängt, daß man nicht bei sich, sondern über allem steht. Auch das größere Hauptkloster, das Tigernest, liegt zu unseren Füßen. Etwa 3 m oberhalb von uns befindet sich in einer Klosterwand eine große Öffnung. Das muß der Sonnenplatz sein, der dem Mönch an einem kalten Morgen wieder Lebensenergie gibt, nach seinem nächtlichen,ermüdenden Kampf mit den alten, zornigen Berggöttern des Himalaya.
Der Mönch fragt mich, wie ich heiße, und sagt seinen Namen: Tonam Togbay. Er lebe für 3 Jahre und 45 Tage in einem Kloster hinter dem gegenüberliegenden Gipfel. Insgesamt gebe es hier 7 Klöster. Plötzlich fragt er mich, ob ich sein Kloster besichtigen wolle, so verstehe ich ihn jedenfalls. Wie weit ist es bis dort? - Etwa 15 Minuten abwärts. Nachher müsse ich den Weg wieder zurückgehen. - Ich bin verwirrt, das kann doch nicht sein Kloster sein. Wir steigen einen steilen Weg abwärts. Im schmalen Tal unten liegen 3 kleine Wassergebetsmühlen. Am Gebirgsbach biegen wir nach rechts auf einen schmalen Pfad, der eng am Fels vorbeiführt. Der Fels springt vor, mühsam turnen wir drum herum, unter uns fällt die Felswand steil abwärts. Wir kommen zu einer Stelle, wo der Felspfad abbricht. Dort steht ein Leiterbaum, der zu einem Pfad führt, der 2 m tiefer liegt. Weiter auf einer schmalen Felskante. Es ist besser, wenn ich gar nicht hinunterschaue. Dann kommen wir an eine Stelle, von der wieder eine Leiter hinabführt. Sie endet bei einer anderen Leiter, die im rechten Winkel um einen Felsvorprung hinabführt zu dem weiterführenden Pfad. Ich versuche meine Kappe festzubinden und mein Fernglas in der Brusttasche zu verstauen, aber sobald ich die Hände von der Felswand nehme, wird mir schwindelig. Es wäre schade, wenn das Fernglas in die Tiefe stürzte, - und wenn ich stürze ? Auf dem Leiterbaum werden meine Beine plötzlich etwas zittrig, die aus einem Baum gehauenen Trittstufen sind morsch und ich muß mit dem Rücken zum Fels und zur Leiter absteigen , darf aber nicht in die Tiefe blicken. Am liebsten würde ich nicht weiterklettern, aber zurück? Wie soll das gehen? Vielleicht gibt es einen Weg , der weiter abwärtsführt, und ich brauche nicht wieder zurück. Augen zum Fels und weiter. Da seh ich vor uns in einer Felsspalte eine Holztür, - das Kloster? Noch eine arg brüchige Baumleiter aufwärts und wir stehen vor einer verschlossenen Tür. Während ich mich mit beiden Händen an dem morschen Baumstamm festhalte und vorsichtig in die Tiefe schaue, versucht der Mönch den Faden zu lösen, mit dem die Tür zugebunden ist. Oberhalb der Tür zeigen bunte buddhistische Glückssymbole, das wir uns in den Schutz einer Einsiedelei begeben. Ein Felsvorsprung oberhalb der Tür schützt vor Regen und Steinschlag. Neben der Leiter eine Stange mit einem Schild mit bhutanesischen oder tibetischen Schriftzeichen. Hinter der Tür eine Holzplattform, von der nach rechts 2 Türen zu Mönchszellen führen. Niemand sei zur Zeit hier, erklärt mein Mönch. Wir gehen links unter dem Fels etwas tiefer, dann wieder eine Baumleiter aufwärts auf eine Felsplatte, wieder abwärts - und wir sind im Allerheiligsten.


An der Felswand sehe ich, rot eingraphiert, einen 20 cm großen Penis. Er stamme von dem gottgleichen Guru Rinpoche, der hier meditiert habe. Auf der anderen Seite der Treppe: Im Fels der Abdruck zweier zierlicher Füße, daneben ein Brett mit Opferschalen und Geldscheinen. Der Fußabdruck stamme von Yeshe Tsogyel, eine von Guru Rinpoches Frauen, die sich in einen Tiger verwandelt habe und mit Guru Rinpoche durch die Luft hierhin geflogen sei. Ich erinnerte mich, diesen Fußabdruck hatte ich auf einer Fotografie schon im Natio-nalmuseum gesehen. Wir gehen einige Meter weiter in die Höhle, wieder ein Penis, diesmal riesig groß und er umschließt nochmals einen kleinen Penis. Hinweise auf das Geheimnis der tantrischen Mönchskultur ? Daneben eine Felsplatte, der Meditationssitz von Guru Rinpoche. Hier hatte er 3 Monate meditiert und die 8 Kategorien von bösen Geistern unterworfen. Der Blick geht von hier aus frei über das Dach der Klause hinweg in den Himmel in Richtung aufgehender Sonne. Auf der anderen Seite des Sitzes ragt ein großer Felsblock aus dem Hintergrund der Höhle, in der urwüchsigen Gestalt eines Penis. Daneben endet die Höhle in einem Felsspalt, in dem eine Quelle entspringt. Sie sei entstanden, als die Frau Guru Rinpoches ihre Gebetskette gegen den Felsen geschleudert habe. In der Quelle liegt ein blauer Geldschein. Ich stehe befangen im Halbdunkel der heiligen Höhle und kann nicht meine Dankbarkeit für dieses ungewöhnliche Erlebnis kundtun, weil ich ohne die Grundlagen eines modernen Touristen hinauf in die Berge gestiegen bin, ohne Geld und ohne Fotoapparat. Als der Mönch meint, ich dürfe ruhig fotografieren, nur dürfe ich niemandem davon erzählen, vor allem nicht dem Guide, da stehe ich unzeitgemäß und scheinbar bedürfnislos da, glücklos in meinem Glück. Auf den Erlebnisaugenblick zurückgeworfen, weitab von der Zivilisation fühle ich meine innere Erregung und wünsche meine Papier- und Geldträgerin Christa her. Als wir wieder vor der Klause stehen, 8oo m über dem Talboden, über 3000m hoch nahe dem Himmel der Erlösten, da möchte ich gleich Guru Rinpoche in Gestalt seiner zornigen Erscheinungsform auf dem Rücken eines Vogels zu Tal fliegen. Aber der Weg der Erlösung ist schwer und führt hinauf über morsche Baumstämme am Rande des Abgrunds. Wie dem auch sei, schließlich stehen wir wieder auf dem breiten Weg des Lebens und neben uns drehen sich unaufhörlich die Wassermühlen.

OH MANI PADME HUM
O Mensch, laß nicht ab, geh weiter.