Durch Äthiopien

Reiseeindrücke, Notizen und Meinungen,
ein kritischer Blick

Nordäthiopien
Südäthiopien

Inhaltsübersicht:
( 16 S., 20 Fotos )

Die Reiseroute durch Nordäthiopien

Die politische Entwicklung

Auf staubigen Pisten

Haile erzählt aus seinem Leben

Ein frustrierter Entwicklungshelfer

Das äthiopische Christentum:
Die Göttergreise,
Religiöse Symbole,
Die Engel,
Das Kreuz,
Die Zahlen,
Die Heiligen,
Die Fels- und Rundkirchen,
Religiöse Namen,
Zauberrollen und Exorzismus

Das Reiseziel

Die Reise ging aufs "Dach Afrikas". So bezeichnet man die nordäthiopischen Regionen, die zwischen 1700 und 3000 m hoch liegen. Nach Auskunft unseres Reiseführers sollten hier im Winter angenehme Tagestemperaturen und kühle Nachttemperaturen herrschen. In Wirklichkeit lagen die Tagestemperaturen durchweg bei 28°. In der Zone unter 2000 m hatten wir Temperaturen bis 31°. In dieser Region besteht Malariagefahr, aber wir sahen wohl wegen der Trockenzeit im Februar keine Mücken, so dass ich auf die unangenehme Malariaprophylaxe mit den Lariam-Tabletten verzichtete. Im übrigen hatten zwei Hotels auch Mückennetze über den Betten.

Die eigentliche Siedlungszone im Hochland liegt bei 2500 m Höhe. Hier dehnen sich endlos trockene baumlose landwirtschaftliche Flächen, auf denen große Rinderherden nach dürren Grashalmen suchen. Noch in 3700 m Höhe gibt es Felder.

Von Reisenden im 16.Jh. wird Äthiopien noch als Garten Eden bezeichnet mit reichen Ernten. Inzwischen haben sich Landschaft, Klima und Ernteertrag stark verändert. Es gibt kaum noch Bäume. Das Land ist von vielen Feldern überzogen, die auf den Regen warten, der aber nur unregelmäßig fällt und häufige Ernteausfälle verursacht.

Die Bauern, die für den eigenen Bedarf meist ein spezielles äthiopisches Brotgetreide (tef), Weizen, Hirse und Erbsen anbauen, in den tieferen Zonen auch Mais u.a., müssen immer wieder aus Getreidereserven der UN versorgt werden. Auf Grund der seit Jahrzehnten funktionierenden Versorgung durch Hilfsorganisationen haben wir auf unserer Reise keine unterernährten Menschen gesehen. Wenn in der Regenzeit von Mai bis September genügend Regen zur richtigen Zeit fällt (insgesamt so viel wie in Deutschland), dann gibt es keine Ernährungsprobleme. Dauert die Vegetationszeit allerdings nur 3 Monate, dann vertrocknen häufig die Früchte. Fällt der Regen zu intensiv, dann gibt es Erdrutsche und der Boden erodiert.

Informationen zum Land:
Geschichtliche Entwicklung, politische Missstände, Kriege, Unterdrückung

Äthiopien hat 63,4 Millionen Einwohner, liegt im nördlichen Teil zwischen 2500-3000 m hoch und hat eine Fläche, die etwa der Spaniens und Frankreichs entspricht. Es besitzt keinen Zugang zum Meer, seit sich 1991 Eritrea nach 29 Jahren Guerillakrieg abgetrennt hat. Die Errungenschaften des kommunistischen Regimes, Trennung von Kirche und Staat, staatliche Anerkennung des Islam und eine Landreform wurden nicht rückgängig gemacht.

Das Amharische ist die Staats- und Schriftsprache bei insgesamt 83 Sprachen mit über 200 Dialekten. Das Amharische benutzt 279 Silbenzeichen. Die kuschitischen Sprachen, von 30 Millionen Oromo gesprochen, benutzen dagegen das lateinische Alphabet.

Nach der Legende wurde Äthiopien 1000 v.Chr. durch den Sohn des israelischen Königs Salomo und der südarabischen Königin von Saba gegründet. Somit begriff sich das Land als "Das Neue Israel" und der Kaiser als der "Löwe von Juda". Als das römische Reich christlich wurde, trat um 330 auch der äthiopische König zum Christentum über. Nach 700 wird das christliche Bergland durch islamische Randstaaten weitgehend isoliert.

1890 wird Eritrea im Norden italienische Kolonie. Äthiopien, das auf Grund seiner militärischen Stärke die Italiener durch einen militärischen Sieg abwehren kann, unterwirft im Süden einige Königreiche und wird so Kolonialmacht.

1936-1941 besetzt dann das faschistische Italien das Land, das aber mit Hilfe der Engländer wieder befreit wird.

Die Gesellschaft und der Staat haben Ende des 20. Jh. eine ungewöhnlich rasante Entwicklung vom Kaiserreich (bis 1974) zur sozialistischen Republik (bis 1991) und zur scheindemokratischen Bundesrepublik mit 80 Völkern und 70 Sprachen erlebt. Daneben haben viele Kriege eine ruhige Entwicklung des Landes unmöglich gemacht.

Nach einem Krieg gegen Somalia 1977/78 mit Hilfe von Seiten der Sowjetunion und Kubas führte das arme Lande 1998-2000 einen weiteren Krieg gegen Eritrea. In der Folge Flucht von 200 000 Flüchtlingen im Sudan und Abschiebung von 70 000 Menschen eritreischer Abstammung.

Zur Zeit liegt die politische Macht bei der Tigrischen Befreiungsfront, die zusammen mit der Eritreischen Befreiungsfront den kommunistischen Diktator Mengistu stürzte

Aus dem unterworfenen Süden stammt die größte Bevölkerungsgruppe der Oromo mit 40-50%, die im öffentlichen Leben unterdrückt wird. Etwa 20 000 sollen inhaftiert sein. Bis Febr.1998 wurden 2349 hingerichtet und 621 verschwanden (nach der Zeitschrift Pogrom). Am 15.8.1999 wurde der Vorsitzende des Äthiopischen Roten Kreuzes und der Direktor der "Ethiopian Evangelical Mekane Yesus Church" verhaftet und ist seitdem verschwunden.

Problematisch ist die Förderung von Zwangsumsiedlungen mit Deutschen Entwicklungshilfegeldern. Eine Verbesserung der Menschenrechtslage sollte bei der Zahlung von Entwicklungshilfe gefordert werden.

s. Bundesministerium für wirtschaftl. Zusammenarbeit, Ref.218, Ostafrika, Länderbericht Äthiopien, Bonn, Sept.2002

Indemin allu?
Wie geht es Ihnen?

Meine "biblische" Reise durch Nordäthiopien

Der Staub dringt durch alle Ritzen, immer wieder muss Haile, unser einheimischer Guide, einen Sack gegen die untere Tür drücken, wenn eine Staubwolke einen Lkw oder einen Bus ankündigen. Der Staub nimmt uns den Atem und setzt die Nasenlöcher zu, er bedeckt Hände und Gesicht. Das staubige Straßennetz stammt zum größten Teil aus der italienischen Besetzungszeit. Im Osten bauen eine chinesische und eine griechische Firma mit Hilfe von Weltbankkrediten breitere Straßen mit einem Asphaltbelag. Wir aber fahren meist über die alten Straßen.

Immer wieder überholen wir lange Reihen von Fußgängern, bepackt mit Bündeln, Holz und Wasserkrügen, begleitet von Eseln oder Rinderherden. So viele Menschen hatte ich nicht erwartet hier und ich frage mich dauernd, wo kommen sie her und wie können sie hier leben. In den letzten 100 Jahren hat sich die Bevölkerung verfünffacht, sie wächst zu schnell, sagt Haile. Die meisten Menschen wohnen bis zu drei Tagereisen von der nächsten Straße, deshalb sind sie meist unterwegs zu den Märkten, zu einer Krankenstation oder zu einer Schule. Für die meisten gibt es kaum Kontakte mit solchen Einrichtungen. Die Einschulungsquote liegt bei 35%, Kontakte mit einer Krankenstationen haben nur 50%.

Die Leute mit den Säcken auf dem Rücken kommen von einer Getreideversteilstelle. Hier im Tigray, der nördlichsten und fortschrittlichsten Provinz muss jede Familie 22 Tage im Jahr öffentliche Arbeit leisten. Dafür wird sie mit Getreide aus EU-Lieferungen belohnt. Ich stamme aus dieser Provinz. Hier wurde durch die öffentlichen Arbeiten das gesamte Ackerland terrassiert, um eine weitere Abschwemmung zu verhindern, erklärt uns Haile stolz. Das Land darf im Erbfall auch nicht mehr aufgeteilt werden, um den Bauern auf den Parzellen ein Auskommen zu ermöglichen. Eine weitere Maßnahme zum Schutze des Ackerlandes und zur Verhinderung weiterer Erosion durch Abholzung der Bäume, ist die Einführung von Eukalyptusbäumen aus Australien. Deshalb sieht man hier bei den Dörfern immer wieder kleine Eukalyptushaine, die der Brennholzerzeugung dienen.

Die besinnungslose Selbstzerstörung des Landes

Die sieben Plagen: Entwaldung, Dürre, Krieg, Überbevölkerung, Unterdrückung von politischer Opposition, Unterdrückung der im 19. Jh. unterworfenen Völker, Krüppel und Bettler

Haile erzählt aus seinem Leben

Ich muss Euch etwas erzählen, sagt Haile mit zitternder Stimme, als wir wieder einmal über die braune, baumlose Landschaft diskutieren. Ich kenne dieses Land, ich komme von einem Bauernhof, aus einem kleinen Dorf nördlich des Schlangenkopfes bei Axum. Beim Tod meiner Mutter wurde ich mit meinem Bruder von einem Onkel nach Axum gebracht und später nach Addis, um zu lernen und Priester zu werden. Nach der Schule und einem Ingenieurstudium habe ich ein Stipendium für ein Studium in Österreich bekommen. Ich habe Äthiopien verlassen und bin nach Wien gegangen, um Tiefbauingenieur zu werden, aber wegen meiner Schwierigkeiten mit der Sprache gelang mir nicht der Abschluss. Später bin ich als Matrose einige Jahre zur See gefahren. Als ich nach 33 Jahren zum ersten Mal wieder meine Heimat besuchte und in mein Heimatdorf kam, traf mich fast der Schlag. Ich fand nicht mehr den Bach, der das Dorf immer mit Wasser versorgte, ich fand nicht mehr die Bäume, die am Bach und bei den Häusern standen. Ich sah nur steinige Erde. Die Bäume waren abgeschlagen und die Erde war weggespült. Seine Worte überschlagen sich. Ich denke, gleich bricht er in Tränen aus, so erregte ihn die Erzählung. Nur mit Mühe kann Haile weiterreden. Das Dorf und das ganze Land waren verwüstet. Das hat meinem Herzen weh getan. Ich bin zu meinem Bruder gegangen, der in dem Dorf Priester war, und hab ihn gefragt, was geschehen ist. Er hat gesagt, was sollen wir machen, wir müssen leben und die Familie ernähren. Wir brauchen das Holz für die Zubereitung des Essens, um die Kinder ernähren zu können. Ich hab ihn gefragt, warum hast du acht Kinder. So viele Kinder gibt es in Äthiopien, viel zu viel, die können nicht mehr leben von dem Land und wenn du die Bäume abschlägst, dann wird es bald keine Erde mehr geben und kein Wasser. Was machst du dann? Er hat mit den Schultern gezuckt und gesagt. Gott hat uns Frauen gegeben, wir schlafen mit ihnen, und Gott schenkt uns Kinder, alles ist gottgewollt. Draußen haben meine Neffen mich mitgenommen und haben mir gezeigt, was jetzt gemacht wird. "Jetzt gräbt dein Bruder die Wurzeln der Bäume aus", sagten sie, "und die großen Löcher füllen sich bei Regen mit Wasser und die ganze Erde wird weggespült." Mit meinem Bruder kann ich nicht reden, er denkt nicht an die Zukunft. Aber so leben und denken die meisten Bauern. Jetzt kann ich nicht mehr zurück in mein Dorf, es ist schrecklich, ohne Hoffnung. Sein Atem geht schwer. Er steht an der Tür des Autos und schiebt mit den Füßen einen nassen Sack gegen die Ritzen der Tür, um sie gegen den hereindringenden Staub abzudichten. Als er sich wieder aufrichtet, funkeln seine Augen vor Wut. Man soll sie töten. Jeder, der einen Baum umschlägt, den soll man töten, anders geht es nicht. Wir schauen ihn sprachlos an und schütteln den Kopf. So wütend haben wir ihn noch nie gesehen und solch radikale Ansichten hatten wir nicht erwartet. "Besser einige sterben, aber ein ganzes Volk kann leben," stößt er hervor und dreht sich von uns weg.

Am nächsten Morgen sprechen wir während unserer "Besinnung": Möge den äthiopischen Bauern die Einsicht zuteil werden, dass sie ihre Lebensgrundlagen schützen und die Kinderzahl begrenzen müssen. Möge ihnen die Fähigkeit zuteil werden, ihr Land lebensfreundlicher zu gestalten, so dass Äthiopien ein Land mit Zukunft werde.

40 Jahre Entwicklungshilfe - ein Schiff, das auf Sand gelaufen ist
Ein Fachmann erzählt

Nach 60 Jahren Kolonialzeit und 40 Jahren Entwicklungshilfe fragt sich unser Reiseleiter, der ein Großteil seines Lebens in Äthiopien als Entwicklungshelfer zugebracht hat, ob es richtig ist, nach all der frustrierenden Erfahrung die Sammelaktionen von "Brot für die Welt" und "Misereor" zu unterstützen. Er schlägt einen Verzicht auf Entwicklung im Sinne aufholender Konzepte vor und meint, Afrika sei an vielen Stellen gesund und könne sich z.T. selbst über die Runden bringen im Sinne einer Selbsterhaltung. Viele Bauern seien in der Lage, in ihrer Lehmhütte auch ohne Strom und Wasser zu überleben, wenn sie ein Stück Ackerland besitzen, um ihre Lebensmittel selbst zu produzieren. Auf dem Niveau traditionellen afrikanischen Lebens sei sogar eine gewisse Stabilität vorstellbar, wenn man die Bevölkerungszunahme in den Griff bekäme. Jedenfalls sei es nicht hinnehmbar, dass Afrika von den Gaben der UN lebe, von Krediten, Umschuldungen oder Hilfen. Äthiopien importiere z.B. dreimal mehr als es exportiere.
(H. Falkenstörfer, Afrikas langer Weg, in Evangelische Aspekte 3/02)

Schreckliche Hungerkatastrophe, 14 Millionen vom Hungertod bedroht.

Für Fetsum Kahsay und tausend andere junge Menschen rückt der Hungertod jeden Tag ein wenig näher.

Verzweifelt suchen die Hungernden nach Wasser und Nahrung. Jeden Tag sterben unzählige Menschen vor allem Kinder.

Wir wollen die Ärmsten der Armen mit Lebensmitteln versorgen.

Zitate aus einem Brief der Jugend Dritte Welt e.V., den ich am 8. März erhielt. Mit einem typischen Katastrophenszenario wird hier versucht mit immer den gleichen Worten und Bildern Mitleid zu erwecken und Geld locker zu machen.

Bei einem Gespräch in einer UN-Station in Dessie haben uns UN-Leute gesagt, es seien genügend Vorräte da, die darauf warten durch eine karitative Organisation verteilt zu werden.

Ich meine mit unserem frustrierten Entwicklungshelfer, dem Fachmann, man sollte nur zeitlich begrenzte Projekte unterstützen, die später von den Einheimischen selbst fortgeführt werden können. Hilfe zur Selbsthilfe. Das sollte das Ziel sein.

s. Der inszenierte Hunger von L. Mükke, http://www.zeit.de/2003/17/Aethiopien

Tanzende Priester

Die christliche Religion

50% der Bevölkerung gehören der orthodox-christlichen Religion an, 33% dem Islam, 10% den Pfingstlern (Protestanten), 1% den Katholiken und 5% den traditionellen afrikanischen Religionen.

Wie der Staat so war auch die Kunst bis ins 19. Jh. ausschließlich religiös fundiert. Es entwickelte sich weder eine höfische noch eine bürgerliche Kunst. Im christlichen Kult Äthiopiens blieb eine Form des Urchristentums erhalten, die dem Judentum näher steht als den christlichen Kirchen des Westens. Die urtümlichen Malereien an den Kirchenwänden, in den großen Gebetbüchern aus Pergament und in den Zauberrollen faszinierten mich am meisten. Schließlich entstand mein Wunsch nach einer Äthiopienrundreise erstmals nach dem Besuch einer Ausstellung äthiopischer Bilder in Paris.

Die äthiopischen Götter
drei in eins und eins in drei

Überraschend und neu war das Bild dreier alter Männer mit langen Bärten, die wie geklonte Personen in jeder Kirche den Eintretenden anblicken. Sie stellen die Hauptgottheit dar, die eine Gottheit in den drei Personen Vater, Sohn und hl. Geist. Da alle Personen völlig gleich gedacht werden, darf der Sohn nicht jünger sein als der Vater.

Die Gleichheit in der Form dreier Greise lässt mich an die asiatischen Götter denken, an den vielköpfigen Vishnu und an die dreiäugigen Shiva und Buddha.

Religiöse Symbole

Unvergesslich waren besonders die dominierenden, großen Augen der Personen. Das Auge kann für sich allein als Symbol des göttlichen Lichts stehen, das die Dämonen und Krankheiten vertreibt; es kann aber auch in ein Rankenwerk eingebunden oder als schützender Talisman auf Gegenständen abgebildet werden.

Die Köpfe von Dämonen und Bösen werden immer nur mit einem Auge in Seitenansicht gezeigt. Die Gesichter der Heiligen und Engel schauen dagegen den Betrachter mit beiden Augen an. Die Augen der Engel bewachen die Eingänge der Kirchen oder schauen hundertfältig von den Decken herab. Oft sind die Engel wie in abendländischen Barockkirchen auf Augen, Kopf und Flügel reduzierte Putten.

Nach der äthiopischen Dämonologie (nach dem Hexameron des Epiphanus von Zypern) teilte sich das Gefolge des gestürzten Satanael in drei Gruppen. Ein Drittel blieb in der Himmelsphäre (neutrale Engel mit Flügeln, die den Anweisungen der Priester folgen), ein Drittel stürzte auf die Erde als gierige Fleischdämonen und ein Drittel stürzte in die Unterwelt.

Die Familie der Engel ist zahlreich. Ihr Aussehen ist sehr unterschiedlich. Es gibt einige, die viele Augen haben, andere, die nur aus Augen bestehen, einige, die ganz und gar ein Lichtstrahl sind und das Sonnenlicht übertreffen, andere, die ein Antlitz haben, das dem menschlichen ähnelt, einige haben zwei Flügel, manche nur einen, andere bestehen allein aus zwei Flügeln und manche sogar aus einem einzigen. Clementinische Apokryphe

In buddhistischen und hinduistischen Darstellungen finden sich ähnliche Wesen als Götter oder Engel.

Das Kreuz

Das Kreuz ist Alpha und Omega, Anfang und Ende

Wir nähern uns einem Priester, und automatisch holt er aus seinem Umhang ein Kreuz in Form eines großen Schlüssels hervor und streckt uns das Kreuz zum Küssen entgegen. Haile ruft "nicht küssen, das ist wegen der Ansteckungsgefahr gefährlich". Bei jeder Begegnung mit einem Priester wird das Kreuz viermal an den jeweiligen Enden geküsst. Die Christen tragen sowohl ein Kreuz an einer Kette um den Hals als auch häufig als Tätowierung auf der Stirn. Die Kreuze sind meist ohne Korpus Christi und verweisen somit nicht auf die Kreuzigungsszene, sondern haben einen eigenen Wert als kraftvoll magisches Symbol.

Kreuz, erhaben über jedes andere Ding,
Kreuz, Du Überwinder des Feindes, beschütze mich wie Deinen Augapfel,
Kreuz, bedecke mich mit dem Schatten Deiner Arme; Du beschirmst uns wie ein im Kampf bewährtes Schild, Herr;
Kreuz, rette uns vor unseren Feinden;
Kreuz, stelle mich zu Deiner Rechten und zu Deiner Linken, rette mich vor den bösen Menschen,
Kreuz, ich rufe zu Dir, erhöre mein Flehen!
Gebet aus "Bollwerk des Kreuzes"

Alle Heere der Engel, die zahlreiche Augen und sechs Flügel haben, rühmen des Kreuz.
Die Seraphim und Cherubim, die ganz aus den Flammen ihrer Macht gebildet sind, rühmen das Kreuz.
Michael und Gabriel rühmen das Kreuz.
Urael und Raphael rühmen das Kreuz.
Sadakyal und Salatyal rühmen das Kreuz.
Ananyal und Suriyal, jene, welche die sieben Erzengel sind, rühmen das Kreuz. Neunundneunzigtausend Tausende und die Myriaden der Myriaden Engel rühmen das Kreuz....
Das Kreuz ist das Gewand der Engel und ihr Stab. Das Kreuz ist der Waffenrock der Engel, das Kreuz.
Ihr Zeichen ist das Kreuz.
So gewähre mir, dass ich wie das Kreuz die Arme emporheben kann.
Gebet aus "Bollwerk des Kreuzes"

Stirnkreuz

Wenn Gläubige das Zeichen des Kreuzes von der Stirn zur Brust und zur linken und rechten Schulter schlagen, kreuzen sie die Finger oder sie zeigen das Kreuzzeichen, indem sie die Arme vor der Brust mehrmals kreuzen. Nach der Anrufung der göttlichen Dreieinigkeit und der Mutter Maria folgt immer die Anrufung des hl. Kreuzes.

Weitere christliche Symbole

In den kreuzförmigen Vierblatt-Rosetten werden manchmal die Bögen zu Augen umgestaltet. Das finden wir besonders in den Motiven der Zauberrollen.

Im achtstrahligen Stern, dem "Siegel des Salomo", besonders im islamischen Kulturbereich als Muster und Talisman gebräuchlich, findet sich in der Mitte ein Gesicht, das durch ein Gebet jeweils als Antlitz Gottes, eines Engels, eines Dämons oder eines Menschen entschlüsselt werden muss.

Farben können Symbole sein. Gelb das Licht oder das Fleisch Christi, Blau die Schönheit oder die Gnade, Rot das Blut Christi, Schwarz das Taufwasser. (nach Mercier, Zauberrollen, S.82)

Die Zahl "Drei" findet sich überall in der Architektur und in der Malerei als Hinweise auf die geheimnisvolle Dreiheit des einen Gottes. Ein architektonischer Bogen wird immer in Zusammenhang mit drei Über- oder Unterbögen verwendet. Besonders wichtig ist die Zahl neun, die dreimal die Dreiheit in sich birgt. Deshalb werden Personengruppen, Heilige oder Engel häufig entsprechend präsentiert.

Eine weitere Steigerung der Zahl drei ist die Zahl "Zwölf". Jesus hatte zwölf Jünger, an die zwölf Säulen in den Rundkirchen erinnern.

Herr, der Du Eva die zwölf Engel der Barmherzigkeit und die zwölf Engel der Vergebung geschickt hast.
(Gebet zum Schutz vor Geistern und Dämonen, die Blutungen und Fehlgeburten auslösen.)

Ein anderes symbolisches Motiv ist das X-Motiv, manchmal kombiniert mit den berühmtesten Zahlen der Talismansymbolik: die vier Gesichter aller Dinge, die vier Evangelisten, die vier Himmelrichtungen, die vier Bischöfe, die vier Tiere, die den Thron tragen, die vier Paradiesflüsse, die vier Nägel des Kreuzes;

Sie (Jesus, Michael und Gabriel und die Engel) werden das Antlitz der Erde läutern, die vier Gesichter des Himmels, die vier Gesichter der Planeten, die vier Gesichter des Wassers und das Gesicht all dessen, was auf Erden ist. (Inschrift einer Zauberrolle)

Kommt ihr vier Engel, die ihr die vier Enden der Welt tragt und deren Namen Fertiyal, Ferfay, Fumael und Fananyal heißen. (Gebet in Bartos)

Ähnlich wird die Zahl "Sieben" als wirksames Beschwörungssymbol mit Malereien kombiniert: die sieben Erzengel, die sieben Wochentage, die sieben Leuchter, die sieben Himmelsfenster.

Auf den Strohdächern der runden Kirchen steht ein großes Kreuz, an dem sieben Straußeneier hängen, die an die Sünden erinnern sollen, die man dem Priester nicht gebeichtet hat.

Die Heiligen
Qiddus

Absonderlich wie indische Saddhus oder buddhistische Mönche sind die christlichen Heiligen Äthiopiens.

Im Kloster Abräntant kann man den schweren Steinhelm des Einsiedlers Abba Samuel aus dem 14.Jh. besichtigen, den er während seiner asketischen Übungen getragen hat.

Der heilige Susneyos bittet Gott, dass er seine Schwester umbringen dürfe, die ihr eigenes Kind umgebracht hat, auf dass sie fernerhin keine Säuglinge mehr töte.. und auf dass sie sich weder den Frauen noch ihren Männer nähern kann. Als der Heilige von Gott die Erlaubnis bekommt, besteigt er erfreut das Pferd und durchbohrt seine Schwester mit seiner Lanze.

Der Menschenfresser Belay gab einem Bettler Wasser, als dieser im Namen der Gottesmutter Maria darum bat. Diese gute Tat rettete ihn am jüngsten Tag vor der ewigen Verdammnis, als in der Waage der Gerechtigkeit die Knochen der Gefressenen und das geschenkte Wasser gegeneinander aufgewogen wurden. Da ließ Maria ihren Schatten auf die Seite des Wassers fallen, so dass sich die Waage zu seinen Gunsten hob und er vor dem Zugriff des Teufels gerettet wurde.

Überraschend war die Feststellung, dass äthiopische Heilige ähnlich wie die hinduistischen Götter häufig mit einem Reittier dargestellt waren. Abba Samuel auf einem Löwen reitend. Die Heiligen Susneyos, Georg und Claudius werden immer mit einem Pferd abgebildet. Alexander sitzt auf einem geflügelten Pferd, das Fleisch frisst.

Folgende Texte enthalten eine ironische Beschreibung äthiopischer Heiligen in fiktiven Bittgebeten:

O Tekle Haymanot, der Du sieben Jahre zwischen Speerspitzen standest, dessen abgefaultes Bein vom Engel zum Throne Gottes getragen wurde, gib auch uns die Kraft, dass wir wie Du die drei Flügel von Gott erhalten, um weiterhin aufrecht hinab schauen zu können auf die verderbte Welt.

O Gebre Manfuss Qiddus, Abo, der Du 300 Jahre ohne Mahlzeiten durchs Land zogest, um den Tieren zu predigen, gib auch uns die Kraft zu helfen, wie Du dem verdurstenden Vogel das Wasser Deiner Augen anbotest.

O heiliger Yared, Du oberster Lehrer der Musik, der du die von Gott ausgesandten Vögel hörtest und die englischen Musiker sahest, wir danken Dir für die Einführung der Musik, entflamme auch uns und entzücke uns durch Gesang, dass wir nicht spüren den Speer in unserem Fuß. Schlage die Trommel, schreite den Tanz und nutze das Rasseln des Sistrums.

O Ihr Reiterheiligen, die Ihr die scheußlichen Drachen aufgespießt, helfet uns.

O Michael und Gabriel, die Ihr die drei Jünglinge aus dem Feuerofen gerettet, zeigt Euer Schwert den Kriegslüsternen der Welt.

O Ihr neun Heiligen, Flüchtlinge aus Byzanz, o Abba Aregawir und Za-Mikael, die Ihr Zuflucht gesucht in selbst gebauten Kirchen, helfet den Menschen, deren Heim durch Bomben zerstört wurde.

O Ihr Größten, Ihr dreifach Bärtigen, Ihr Sonnen mit dem einen Licht, gebt allen Menschen das Glück und den Frieden und zügelt die Kriegslüsternen und Mächtigen.

Die monolithischen Felskirchen und Rundkirchen aus Holz und Lehm

Zu den eigenartigen Höhepunkten der äthiopischen Kultur zählen die Kirchen mit ihren typischen Gemälden. Besonders die Felsenkirchen von Lalibela sind zum Hauptziel des Tourismus geworden. Die aus dem Fels geschlagenen Kirchen imitieren die römische Basilika. Im Osten befindet sich die Cella mit dem Allerheiligsten. Die bekannteste Kirche weist eine Kreuzform auf, St. Gyorgis in Lalibela. (s. Reiseroute)

Ende des 16. Jh. änderte sich die Form der quadratischen, dreischiffigen Basilika und es setzte sich die Rundkirche mit Grasdach durch. Sie behielt zwar die alte Form der Dreiteilung, aber das quadratische Heiligtum wurde von zwei Kreisen umgeben, von denen der innere Umgang den Priestern und der äußere Umgang den Gläubigen zugeordnet war. Die Türen zum inneren Raum und die Wände des Altarraums wurden und werden mit Gemälden geschmückt.

Die Wandmalereien sind häufig mehr als 300 Jahre alt. Das ist beachtlich, da die Wände aus Holzstangen bestehen, die mit Lehm überzogen sind, auf die zur Bemalung eine Leinwand gespannt wird. Typisch für die Malereien ist das Bedürfnis jeden freien Raum zu füllen. Die Szenen aus dem Leben Jesu, seiner Mutter Maria und die Darstellungen von Heiligen und Engeln sind oft durch einen weißen Rand voneinander abgesetzt und wirken wie ineinander geschobene Bildsammlungen, die manchmal von vielen geometrischen Mustern umgeben sind. Die Starrheit der Figuren mit den hypnotischen Augen ist ein Kennzeichen dieser Malerei. Obwohl die Farbskala nur aus Grün, Rot, Gelb und Blau besteht (kein Gold), besticht die Harmonie. In mehreren Kirchen sahen wir nur Umrisse von Figuren. Das weist auf die Maltechnik hin. Zuerst werden die Umrisse der Figuren gemalt, und dann werden die einzelnen Flächen ausgemalt und ausgeschmückt. Gewänder werden manchmal durch eine Vielfalt von geometrischen Mustern gefüllt. Ein Hintergrund, Licht und Schatten fehlen. Die Geschichte ist auf wenige Personen reduziert. Der lehrhafte Charakter der Bilder führt dazu, dass die Proportionen der Körper oft verzerrt dargestellt werden. Die Finger einer Hand werden oft länger dargestellt als ein Arm.

Im Innern jeder Kirche befindet sich im Zentrum ein Raum, in dem, verborgen unter vielen Brokattüchern, der "Tabot oder Ark", eine "Bundeslade", liegt, in der Kopien der Gesetzestafeln aufbewahrt werden, die Gott nach einem Bericht im alten Testament dem Moses auf dem Berg Sinai gab. Sie sind Zeugnisse eines Bundes zwischen Gott und den auserwählten Menschen. Nach der Legende hat Menelik, der Sohn Salomos und der äthiopischen Königin von Saba, die originale Bundeslade im jüdischen Jerusalem gestohlen und in sein Land gebracht. Jede Kirche hat nun im innersten Heiligtum eine Kopie dieser Bundeslade, die kein normaler Mensch sehen darf.

Sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne...Macht eine Lade von Akazienholz..... Moses 2, 8 f. (In der Bibel folgt die detaillierte Beschreibung: Der Kasten sollte 1.25 x 0,75 x 0,75m groß sein, mit Gold überzogen und mit Hilfe von Stangen tragbar.)

Dieser Kasten wurde als nomadisches Wanderheiligtum den jüdischen Stämmen vorangetragen und war ein Zeichen der Macht und Gegenwart Gottes, der Fußschemel zum Gottesthron. Im Innern wurde evtl. ein Kultgegenstand aufbewahrt.

Das Geheimnis dieser Tafeln und der verborgenen Räume hinter den Vorhängen im Innern des Zentrums entfachte immer wieder die Neugier der Reisegruppe. Was geschieht hier bei der Wandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut, fragten sich unsere katholischen Priester und versuchten einen neugierigen Blick durch die Vorhänge ins Innere. Die orthodoxe äthiopische Kirche hat sich auf die reale magische Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Jesu festgelegt. Der Priester spricht vor der Mahlzeit die Worte:

Ich glaube, ich glaube, ich glaube und ich bekenne, dass dies das Fleisch und das Blut unseres Herrn und Gottes und unseres Erlösers Jesus Christus ist.

Hier wird die Verwandlung also nicht symbolisch interpretiert, wie es die Reformierten tun, sondern wie es die Katholiken glauben, die das verwandelte Brot am Fronleichnam durch die Felder tragen, um auf magische Weise eine höhere Fruchtbarkeit und einen Schutz vor Unwettern zu erreichen. Hier stellt sich auch nicht die Frage, ob das Mahl mit Traubensaft oder sogar mit Cola möglich ist. Hier ist es undenkbar, den überschüssigen Wein nach dem Mahl wegzuschütten ("das But des Gottes"!!). Auch das Gebot des Fastens und der Nüchternheit vor dem Genuss des Gottes wird ganz ernst genommen.

s. H.Falkenstörfer. Wir philosophieren nicht über Gott, Die äthiopische Kirche und die moderne Welt, Manuskript für den Bayrischen Rundfunk, 12 S., Dez.2002

An Festtagen wird der Kasten auf dem Kopf von einem Priester herausgetragen, während die anderen Priester ihn umtanzen. Der Gottesdienst in Form von Gesängen und langsamen Reihentänzen der Priester ist ein faszinierendes Erlebnis. Die Priester haben dabei in der linken Hand einen langen Gebetsstab und in der rechten Hand eine Rassel, das Sistrum. In jeder Reihe tanzt ein Priester mit einer gewaltigen Trommel, die um seinen Hals hängt.

Der offene Schrein erinnerte mich an die balinesischen Göttersitze und Götterhäuschen, die als zeitweilige Wohnsitze von Göttern angesehen werden.

Äthiopischer Priester

Fantasiereiche religiöse Namen

Haile Selassie, letzter Kaiser: Kraft der Trinität
Mengistu Haile Mariam, kommunistischer Diktator: der Starke aus der Kraft Mariens
König Abreha: der das Licht brachte
König Asbeha: der die Morgenröte brachte
Addis Ababa (Addis Abeba), die Hauptstadt: die neue Blume
Kloster Debre Berhan Selassie bei Gondar: Kloster der Dreieinigkeit auf dem Berge des Lichtes


Der Geisterglaube: Zauberrollen und Exorzismus

Die meisten Krankheiten werden männlichen oder weiblichen Geistern (zar) zugeschrieben. Als Heilsspezialistin tritt meistens eine Besessene auf, die den Kranken in Trance versetzt und den Geist des Kranken befragt, um seine Identität zu klären und welches Opfer er will. Der vom zar Besessene wird von allen respektiert und bei wichtigen Familienangelegenheiten befragt.

Häufig werden auch Zauberrollen zur Bekämpfung der Krankheitsdämonen eingesetzt. Eine Rolle besteht aus einem 9 cm breiten Pergamentstreifen von der Länge eines oder zweier Tiere. "Volle Größe" haben sie, wenn ihre Länge der des Kranken entspricht. Ich habe einem Priester eine solche Zauberrolle abgekauft. Sie enthält vier Bilder. Am Anfang der Rolle steht das Bild eines Engels, dann folgt Text, dann kreuzförmig angeordnete Felder, in deren Mitte ein Gesicht steht, umgeben von den vier Trägern des Gottesthrones, dargestellt als vier Augen in Bögen, die Mauern einer Kirche und am Schluss ein Kreuz. Zwischen den Bildern stehen Gebete. Diese Rollen werden an einer Schnur um Hals oder Hüfte getragen. Es können dazu auch noch andere Talismane kommen in Form von Schmuck, Muscheln, Glas, Horn- und Silberringe. Auf diesen Rollen sind Texte in Ge`ez und Bilder aufgezeichnet. Ein Priester kann die Texte vorlesen, den Kranken Weihwasser trinken lassen und die Rolle damit segnen. Während ihrer Periode oder nach Geschlechtsverkehr darf eine Frau die Talismane nicht tragen. Um Geister abzuschrecken soll sie die Rollen ausrollen und die Bilder ansehen und mehrere Rollen zu einem Kreuz anordnen. Soll eine Rolle auf das astrologische Zeichen eines Kranken eingehen, dann muss dieses aus Namen abgeleitet werden. Jedem Buchstaben seines Namens und dem seiner Mutter wird eine Zahl zugeordnet. Diese Zahlen werden nach einem 12er-System zusammengerechnet und das Ergebnis auf die Zahl eines Sternzeichens bezogen. Entsprechend werden dem Kranken bestimmte Geister zugeordnet, Schutzengel, Gebete, Riten, Opfertiere, Farben und Bilder. (Zusammenhänge mit dem antiken Astrologie des Demokrit. s. J.Mercier. Zauberrollen aus Äthiopien, 1979)

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, dreieiniger Gott
Führer der Vierzig
Organisator der Vierzig (sie bilden das rechte Haus des zar)
Der tausend verwundet
Der tausend verwunden lässt
Der tausend auspeitscht
Der tausend auspeitschen lässt
Sayfur-Cangar
Gebälk des Daches der awlya (großer Zar)

Spruch zur Selbstvorstellung des Zar nach einem detaillierten Bericht von M. Leiris in "Das Auge des Ethnographen ", Bd.2, "Der Stier für Sayfu-Cangar", 1933)

Die in Trance Gefallenen, auf die ein Geist herabgestiegen ist, um sie zu reiten, machen den gurri, eine kreisende Bewegung des Kopfes oder ein Pendeln des Oberkörpers. Diese Bewegungen können Freude ausdrücken oder eine Lustempfindung. Interessant ist, dass ähnliche Bewegungen von den Frauen auch bei den Volkstänzen ausgeführt werden. Manche sagen auch, dass gurri eine Art Koitus zwischen der Besessenen und dem Zar ist. Dreimal wird zwischendurch rituell Kaffee serviert. Dauern die Tänze zu lang, dann werden sie mit den Worten "Das Kreuz ist errichtet." unterbrochen.

Soll ein Stier geopfert werden, dann muss er auf die rechte Seite geworfen werden, bevor man ihn fesseln und töten darf. Das aufgefangene Blut wird von dem Geist getrunken, der daraufhin den Besessenen wieder verlässt. Um das Fell, das Abbild des Tieres, nicht zu beschädigen, wird das Tier nicht mit einem Halsquerschnitt, sondern mit einem Längsschnitt durch die Luftröhre getötet. Das Fleisch wird roh verzehrt, wie es auch bei weltlichen Festen üblich ist. Nach sieben Nächten ist eine Zeremonie beendet.

Der Opferritus ist wegen der aggressiven Dämonen gefährlich, deshalb soll beim Töten gebetet werden: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, dreieiniger Gott", die Anbetung Marias und das Gebet des Glaubens, um von links und rechts Engel herbeizurufen. Auch eine Hauswand kann Schutz vor Dämonen bieten.

Um den Zar zu beruhigen, dienen die beiden Rauschmittel khat und Kaffee. Dazu singt man

Das mit khat und Kaffee gebaute Haus
Stürzt nicht ein, wenn man es anstößt und daran rüttelt.