Elitäre Literaturwerkstatt Bocholt
"Die Eliteraten"

Die Eliteraten sind eine auf Lyrik spezialisierte Schreibgruppe aus Bocholt, die sich seit 2012 trifft, moderne Literatur bespricht und Texte zu bestimmten Themen schreibt. Mehrfach setzten sie sich lyrisch mit den Themen von bildenden Künstlern auseinander und präsentierten ihre Texte innerhalb von Kunstausstellungen.

 

Literaturkreis "Die Eliteraten" 2017

 

 

wenn schwarz in rot ertrinkt




Literaturkreis 2015 -

Literaturkreis 2014

2013: Literarischer Gesprächs- und Arbeitskreis

"Literarisches Schreiben"

VHS-Bocholt

1. Halbjahr 2008

2. Halbjahr 2007

1. Halbjahr 2006, 2. Halbjahr 2006

1. Halbjahr 2005, 2. Halbjahr 2005

1. Halbjahr 2004, 2. Halbjahr 2004

1. Halbjahr 2003, 2. Halbjahr 2003

Texte der Kursteilnehmer  

Schreibwerkstatt 2. Halbjahr 2009 (2.9.2009)

Vom alltäglichen Sprechen zum gestalteten Schreiben

1. Einen Eindruck formulieren a) in Stichworten oder in einem Satz, b) in kurzen Verszeilen

2. Eine Beschreibung des Eindruckes nach vorgegebenen Regeln:

Elfchen (Beschränkung auf elf Wörter):

- pro Zeile eine bestimmte Wortanzahl (1/2/3/4/1), Variante:- eine bestimmte Silbenanzahl pro Zeile (1/2/3/4/1)

- inhaltliche Vorgaben (Farbwort, Bezugsobjekt, Ortsangabe, Ich-Aussage, Pointe)

Haiku (japanische Lyrikform): eine bestimmte Silbenanzahl pro Zeile (5/7/5). Es entsteht ein Renga, wenn eine andere Person zwei weitere Zeilen hinzufügt (7/7). - Inhaltliche Vorgaben: Beschreibung einer Wandlung oder eines Gegensatzes

Surreales und metaphorisch-gleichnishaftes Erzählen

Spielerische Methoden, durch Zufall überraschende Bilder und Geschichten zu finden.

1. Im Surrealismus entwickelte Methode (literarische Richtung ab 1920 in Paris): A. Breton betont, dass man im Cadavre exquis über ein unfehlbares Mittel verfüge, das kritische Denken auszuschalten und der metaphorischen Fähigkeit des Geistes freie Bahn zu verschaffen. (Spiel mit gefaltetem Papier, in dem es darum geht, einen Satz oder eine Zeichnung durch mehrere Personen konstruieren zu lassen, ohne dass ein Mitspieler von der jeweils vorhergehenden Mitarbeit Kenntnis erlangen kann. Das klassisch gewordene Beispiel ist Le cadavre-exquis-boira-le-vin-nouveau (frz. = „Der köstliche-Leichnam-trinkt-den-neuen-Wein“). Der Begriff surreal bedeutet traumhaft – unwirklich.

2. Ein Gegenstück dazu bildet écriture automatique (automatisches Schreiben) Vgl. Nitrofrottage: Abbildungen oder Texte aus Zeitschriften, Zeitungen, Drucke etc. werden mit Hilfe von Nitroverdünnung mit einem Lappen in den Bildgrund „gerieben“.

Materialsammlung und Gestaltung (G.Neuenhofer, 3.9.2009)

Sätze mit zufälligen Wortkombinationen bilden das Material für kurze Verse

1. Wort- und Silbenelfchen

Die Vorhänge atmen Abschirmung.

Blau
die Abschirmung
vor den Fenstern,
ich atme die Vorhänge,
Schatten.

Blau
atmet
kein Vorhang
den Schreibenden
jetzt

Weltkarte weht über die Schreibenden.

Farbig
die Weltkarte
an der Wand,
weht über die Schreibenden
richtungsweisend.

Neu
sind doch
die Wörter
Schreibenden.
Nicht.

Der Stuhl spricht mit den Schreibenden.

Grau
die Stühle
mit den Schreibenden,
ich spreche mit ihnen
verschlüsselt.

Hart
der Stuhl
fürs Schreiben,
sprich doch mit mir
jetzt.

2. Haiku

Der Schuh verdirbt dünnhäutigen Wahnsinn hinter dem vergrämten Geld.

“Ole“

Dünnhäutiger Wahn
mit vergrämten Krediten
verdirbt das Geschäft.
Vergrämter Banker
mit dünnhäutigen Schuhen
verdirbt Geschäfte.

Vorbilder für surreale Erzählweisen

Ein sehr alter Herr mit riesengroßen Flügeln, Gabriel Garcia Marquez (*1927 in Kolumbien)

(Auszüge aus der Erzählung)
Am dritten Regentag hatten sie im Hausinnern so viele Krabben getötet, daß Pelayo durch seinen überschwemmten Hinterhof waten mußte, um sie ins Meer zu werfen, denn das Neugeborene hatte die ganze Nacht gefiebert, und man glaubte, der Pestgestank sei daran schuld. Die Welt war trostlos seit Dienstag. Der Himmel und das Meer waren ein einziges Aschgrau, und der Sand des Strandes, der im März funkelte wie Glutstaub, hatte sich in eine Brühe aus Schlamm und verfaulten Seemuscheln verwandelt. Das Licht war so zahm am Mittag, daß Pelayo, nachdem er die Krabben fortgeworfen hatte, beim Heimkehren nur mit Mühe wahrnahm, was sich da hinten im Hof, bewegte und jammerte. Er mußte ganz nahe herantreten, um zu entdecken, daß es ein alter Mann war, der mit dem Gesicht im Schlamm lag und sich trotz großer Anstrengung nicht aufrichten konnte, weil ihn seine riesengroßen Flügel daran hinderten.

…Es geschah nämlich in jenen Tagen, daß unter vielen anderen Attraktionen der wandernden karibischen Jahrmärkte im Dorf das Schauspiel einer Frau zu sehen war, die aus Ungehorsam gegen ihre Eltern in eine Spinne verwandelt worden war. Der Eintrittspreis für ihre Besichtigung war nicht nur geringer als der für den Engel, es war auch erlaubt, ihr jede Art von Fragen über ihre absonderliche Beschaffenheit zu stellen und sie von vorn und hinten zu untersuchen, so daß niemand die Wahrheit des Entsetzlichen bezweifeln konnte. Sie war eine ungeheure Tarantel von der Größe eines Hammels und mit dem Kopf einer traurigen Jungfer. Aber nicht ihr aberwitziges Aussehen war das Herzzerreißendste, sondern die ernste Kümmernis, mit der sie die Einzelheiten ihres Mißgeschicks erzählte. Fast noch ein Kind, hatte sie sich aus ihrem Elternhaus auf einen Ball gestohlen, und nachdem sie die ganze Nacht ohne Erlaubnis getanzt hatte, riß auf dem Heimweg ein fürchterlicher Donnerschlag den Himmel in Hälften, und durch diese Spalte stieß der Schwefelblitz herab, der sie in eine Spinne verwandelte. Ihre einzige Nahrung waren Fleischbällchen, die mildtätige Seelen ihr in den Mund stopften….. http://www.zeit.de/1972/36/Ein-sehr-alter-Herr-mit-riesengrossen-Fluegeln

Ein seltsames Tier
(Skizze nach Gabriel Garcia Marquez, G.N.)

Am fünften Segeltag trafen sie im Yachthafen an der Ostseeküste so viele Quallen an, dass sie schon nicht mehr auf die Federn und Schmutzteile achteten, die im Becken herum schwammen, und sie glaubten, ein Bad in diesem verseuchten Wasser würde sie krank machen, kränker als sie schon waren nach der letzten Fahrt durch Sturm und hohe Wellen. Katzenaugen blitzten auf den Wellen und sprangen hin und her. Die Wellen warfen den Bug des Bootes entgegen dem Willen des Steuermannes, die Gischt ging über den Rücken der Bootsmannschaft und durchnässte ihre Kleidung, während der Wind an den Segeln zerrte, dass sie flatterten wie wild gewordene Hühner unter dem Beil des Schlächters. Das Funkeln der aufblitzenden Sonne an der Mastspitze, das sie noch am Morgen als Hoffnungszeichen eines wunderschönen Tages gedeutet hatten, war verschwunden in einem Sud aus Regengrau. Als die Mannschaft erfuhr, dass in der letzten Nacht ein Skipper über Bord gegangen war, und man sein Boot verlassen an einem Strand gefunden hatte, bestärkte dies ihren Willen in diesem Hafen zu bleiben und abzuwarten, bis die aufgewühlte See sich beruhigt hätte.

So war es kein Wunder, dass von den vier Seglern zunächst niemand das kleine Häufchen Federn zwischen der Backbordseite und dem Steg bemerkte, als sie in einer Box anlegten. Erst beim Anschließen des Elektrokabels zeigte Axel auf das graubraun gesprenkelte Etwas. Ein Vogel. Undefinierbar. Vielleicht eine Möwe. Axel dachte an eine Friedenstaube, eine Taube als Zeichen für das Ende des Konfliktes zwischen ihm und dem Skipper. Am nächsten Morgen sollte er die Mannschaft verlassen, so hatte der Skipper gesagt, mit ihm könne er die Sicherheit des Bootes nicht gewährleisten. Dabei hatte Alex nur protestiert, als er vom Skipper hemmungslos angeschrien wurde. Aber so war wohl das Leben an Bord, einer hatte das Sagen, die anderen mussten schweigen.

Alex schien alle Hoffnung auf den Vogel zu setzen. Er glaubte fest daran, dass er eine Friedenstaube sei. „Seht nur genau hin, von ihr geht ein seltsames Glänzen aus!“ Tatsächlich schien ein goldener Glanz vom Vogel auszugehen, der sich über das dunkle Wasser ausbreitete und sogar auf den glucksenden Wellen lag, die gegen die Wände des Bootes schlugen. Leider zeigte der Vogel jedoch nicht seine Kraft als Friedenstaube. Alex musste von Bord. Der Skipper war unerbittlich.

Die Geschichte des Vogels aber begann danach erst richtig. Ein Pfarrer hatte ihn in Augenschein genommen und darauf hingewiesen, dass einige Merkmale, vor allem der Glanz, sein Kopf und sein geflecktes Gefieder durchaus auf eine religiöse Herkunft schließen ließen. Gleichzeitig zitierte er viele Stellen aus der Bibel. Besonders die Stelle aus Jesaja 40,31 überzeugte viele Menschen: „Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Der Vogel erhielt vom Pfarrer einen komfortablen Käfig neben der Kirche, so dass die Gläubigen vor und nach der Sonntagsmesse ihn sehen und berühren konnten. Bald kamen sogar Menschen von weither um sich durch den Anblick des göttlichen Vogels Kraft zu holen.

Irgendwann kam auch unsere Bundeskanzlerin und besichtigte ihn, zeigte mit ihrer bekannten Geste, die ein Fingerzelt zeigte, auf den Vogel, schloss ihre Hand zu einer sanften Faust und beteuerte. „Das ist doch der deutsche Bundesadler, der die Botschaft gebracht hat, dass wir alle zusammen die Krise bewältigen können. Er wird in der Tat dafür sorgen, dass wir …..“ Dabei hob sie die Hand zu ihrer berühmten, halben Segnung. „Er ist in der Tat Beweis dafür, dass wir, dass ich, die Bundesregierung und das deutsche Volk die Dinge auf den richtigen Weg gebracht haben. Ja, wir sind auf einem guten Weg.“ Dann hob sie auch die zweite Hand zur Segnung und stand so mit geöffneten Handflächen vor den Anwesenden, dass einige glaubten der Glanz des Adlers gehe auch von ihrer Person aus.

Jedoch, leider hatte sie nicht so genau hingeschaut. So war ihr entgangen, dass dieser Vogel nur einen Kopf hatte und nicht zwei wie der Bundesadler. Betroffen zog Angela ihren Kopf zwischen ihre Schultern, machte die Geste des „So-groß-ist-der-Fisch“ und überließ das Tier dem gläubigen Volk und dem Gemeindepfarrer der kleinen Hafenstadt.

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Schreibwerkstatt, VHS-Bocholt, 16.9.2009

Erlebtes in Worte fassen

1. Erfinde absurde, rätselhafte, visionäre Erzählungen (Parabeln).

Heimkehr, 1920 (Franz Kafka, 1883-1924)

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind.

Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an die Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Fremd werden (G.N.)

Sie ist zurückgekehrt, sie hatte den Eingang gefunden und schaute sich sichernd vorsichtig um. Es ist ihr altes Zuhause. Die Enten schnattern, ein Schaf blökt, die Hühner gackern. Die Baumleiter neben der hinteren Tür. Die Pflastersteine versperren scheinbar den Weg nach oben. Die Beeren des Holunderstrauches liegen schwarz und saftig im Sand des Bodens.

Sie ist angekommen. Wer wird sie begrüßen? Was erwartet sie hinter dem Eingangsloch unter dem Dach? Aus dem Abzugsrohr der Küche strömt würziger Bratenduft. Lässt sie sich verführen? Soll sie den Baumstamm hinauf ins Innere des Hauses klettern? Wird nicht oben der Schwarze stehen, sie anfauchen und sie mit scharfen Krallen abwehren? Sie wartet und horcht, schaut nach oben. Aber hier unten sind ihre scharfen Ohren gefüllt mit Erinnerungen aus guten Zeiten. Werden die jetzigen Bewohner ihre verschorften Wunden waschen, ihr Fell bürsten und ihr Milch geben?

Sie kann es nicht wissen, dass ein anderer ihren Platz eingenommen, dass dort hinter der Mauer ein anderes Zuhause entstanden. Schon dreht sie ihren Kopf zurück in Richtung Wald und Straße, wo sie viele Monate herumgeirrt, die schönen Bildern der Erinnerung im Kopf. Würde sie sich nicht misstrauisch ducken, schon wenn sie leise Fußtritte hörte und würde sie nicht auf der Stelle im Dickicht verschwinden, wenn jetzt ein lautes Fauchen ertönte?

2. Erinnerungen an Personen

Von oben (Hans Georg Bulla, 1949 geb.)

Sein Gesicht ist nicht
zu sehen, nur die linke
Hand, behaart, fest um
den Schaufelstiel gepresst.

Auf dem Kopf die dunkle
Mütze, großkariert das
Hemd, sein Arbeitshemd.

...........

...........

Der Vater (Günter Grass, aus Gleisdreieck, 1960)

Wenn es in der Heizung pocht,
schauen ihn die Kinder an,
weil es in der Heizung pocht.

Wenn die Uhr schlägt und Bauklötze
stürzen, schaun die Kinder,
weil die Uhr, den Vater an.

...............
................


Brief (Franz Kafka, 1919)

Liebster Vater,

Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wusste Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als dass ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche Dir schriftlich zu antworten, so wird es doch nur sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich Dir gegenüber behindern und weil überhaupt die Grösse des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.http://de.wikisource.org/wiki/Brief_an_den_Vater

Mieze
(G.N.)

Wenn es in der Nase kribbelt,
schaut sie hoch mit großen Augen,
weil ich plötzlich nießen muss.

Wenn die Tür und Kinderschritte
trappeln, schaut sie,
weil die Tür, mich an.

Wenn der Kaffee zischt und gurgelt
steht sie sprungbereit vor mir,
weil sie ihre Milch verlangt.

Erst wenn`s draußen dunkel ist,
schaut sie aufgeregt hinaus,
weil sie draußen wildern will..

Ihr Kopf ist nicht mehr
sichtbar, nur die haarigen
Ohren, spitz, suchen
nach unhörbaren Rufen.

Zwischen den Gräsern der gefleckte
Kopf, dreifarbig das
Fell, ihr Körper.

Erdigbraun die Furche, bis
zum Rücken hineinge-
duckt, ja, flach gedrückt
so richtig tief.

Ein Augenblick der höchsten
Spannung jetzt.


Käthe (G.N.)

Wenn sie
ihr Kinn
hebt
ist das
wie ein
Befehl
steh gerade
sprich lauter
mit mir
hier oben
blick ich
auf dich
pass auf
was ich sage
zu dir
sag danke
gib mir
die gute
die rechte
hand
schau
mich an
wenn ich
spreche
mit dir
und
merk
dir
die
Worte


Liebes Geburtstagskind,

ich möchte die Gelegenheit ergreifen und Dir an Deinem 8. Geburtstag für Deinen weiteren Lebensweg Glück und Gottes Segen wünschen. Bleibe immer ein artiges Kind, auf das deine Eltern und deine Tante stolz sein können. Du bist ja jetzt schon erwachsener, so dass Du weißt, was Du tun darfst und was Du nicht tun darfst. Mach Deinen Verwandten keine Schande. Lerne fleißig, damit Du gute Noten nach Hause bringst. Als Geburtstagsgeschenk habe ich Dir 5 Mark beigelegt und ein lehrreiches Buch. Du hast ja inzwischen in der Volksschule lesen gelernt. Wenn Du mich besuchen kommst, kannst Du mir sicher etwas aus dem Buch erzählen.

Anfang Dezember erwarte ich Dich mit Deinen Eltern in unserem Elternhaus in Neuwerk.

Viele Grüße von Deiner Patentante Käthe

Schreibwerkstatt, VHS-Bocholt, 23.9.2009

Personenbeschreibungen

Konstruktion einer Person in der Gruppe

Der eine Teilnehmer übernimmt Kopf und Hals, ein anderer Arme und Rumpf, ein anderer den Unterleib und wieder ein anderer die Beine. Beschreibe detailliert die Teile, so dass auch Gefühle und Meinungen deutlich werden.

Überarbeite das „Porträt“ so, dass ein bestimmtes Bild (lustiges, trauriges, melancholisches, langweiliges…..) entsteht.

1. Personenschnappschuss

Photographie (Rolf Dieter Brinkmann, 1940-1975)

Mitten
Auf der Straße
Die Frau
In dem
Blauen
Mantel

2. Personenbeschreibung auf Grund bestimmter körperlicher Kennzeichnen

Kurzverse mit jeweils 2-4 Hebungen

Großmutters Nase (Martin Walser )

Streng steht mir Großmutters Nase
Und stumm im Gesicht
Auf eine eigene hoff ich nicht mehr.
Großmutters Nase, sag ich, wie geht es?
Bist du noch da?
Dann so ein Schnauben von mir,
der Großmutters Nase zum Schnauben benützt

.............
.............

3. Personenbeschreibung auf Grund eines Verhaltens in einer Situation

Langverse mit jeweils 6 Hebungen

Die junge Frau (Wang Giän)

Zur Küche steigt hinunter sie am dritten Tag.
Sie wäscht die Hände sich, um eine Suppe anzurühren;
Weiß nicht, ob sie der Schwiegermutter schmecken mag,
und lässt zunächst die kleine Schwägerin probieren.

Großvater
(G.N)

Breit und rund und ohne ein Haar
leuchtet Großvaters Schädel
mir wie ein Spiegel.
Was du gesagt,
wohin ich gehe,
ist nicht mein Weg geworden.

Wo find ich nun mein Spiegelbrett,
wenn ich tastend um mich schau?
Noch ist mein Schädel bedeckt vom Haar,
vom Wind zerzaust die Frisur.

Komm, Johann, zeig, was richtig ist,
erzähl von vergangener Zeit,
lass funkeln deinen Schädel.

Mitten
im Hühnerstall
Großvater
mit den
dampfenden
Kartoffeln

Hinter
den Sträuchern
Großvater
mit der
blau-roten
Amtsmütze

Am Abend steigt er ab von seinem Eisenrad.
Er nimmt von seinem Kopf die Mütze, den Schädel sich zu reiben.
Wird Anna wohl zufrieden sein am Skatspieltag,
wenn die Zehntelpfennige hin und her sich teilen?

Schreibwerkstatt Günter Neuenhofer, VHS-Bocholt, 7.10.2009

Beschreibung eines Dinges

1. Das Ding in der Beschränkung auf das äußerlich Wahrnehmbare

2. Das Ding als Symbol

Ein Dinggedicht enthält die poetische Darstellung eines Objekts, eines zumeist intensiv wahrgenommenen Gegenstandes der äußeren Wirklichkeit.

Teebeutel (Haiku)

I
nur in sackleinen
gehüllt, kleiner eremit
in seiner höhle.

II
nichts als ein faden
führt nach oben. wir geben
ihm fünf minuten.

Die Kerze, Francis Ponge (1899-1988)

Manchmal entzündet die Nacht eine seltsame Pflanze, deren Schein die möblierten Zimmer in Schattenmassive zerteilt.
Ihr Goldblatt steht in der Höhlung eines Alabastersäulchens reglos an tiefschwarzem Stiel.
Die zerlumpten Falter bestürmen sie gern bei allzu hohem Mond, der die Wälder verdunsten lässt. Doch versengt sogleich oder erschöpft vom Tumult, schaudern sie alle am Rand einer Raserei, die der Betäubung gleicht.
Die Kerze indes, durch schwankenden Schein auf dem Buch, macht dem Leser unter jähem Entweichen des ihr eigentümlichen Rauches Mut, - dann neigt sie sich über ihren Teller und ertrinkt in dem, was sie speist.

Francis Ponge lehnte radikal alles psychisch Bedeutsame, alle lyrizistische Motivik, Stilistik oder Symbolik seiner Zeitgenossen ab…..Die Struktur seiner Kunsttexte erinnert an surrealistische Schreibweisen - doch im Gegensatz zu diesen war Ponge an lexikalischer Präzision interessiert, "Definition statt Deskription". …..Die Annäherung an den Gegenstand (Regen, Herbst, Brombeeren, Kerze, Auster, Tür, etc.) erfolgt nach zähem Ringen um die richtige Distanz……das Schreiben wird selbst zum Gegenstand.

Op de fiets (Frans Deschoemaeker, 1985 West-Flandern)

Open en bloot het land. En enigzins mooi
in de droeve, decoratieve geometrie
van steeds eendere veldwegels
die uitlopen in het grijs.
Sterk voelt hij zich wel,
met gepantserde schouders op de fiets, lachend
tegen al dat grijs. En eenzaam godverdomme.
Eenzaam als de kleiduif
aan de rand van zijn gezichtsveld.
Zo rijdt hij. Bandhonden en tweelopen trotserend.
En de droeve, halfzachte winterdag (zonder
sneeuwhaas
poolvos en Verschrikkelijke Sneeuwman).
Zo rijdt hij. En in de papperige bladermassa
van de bosrand gaat zijn rijwiel even steigeren.
In de wilde carrousel van wilgen, canada`s
en wiegend weiland rijdt hij daar godvergeten
door het grijs. Naar welk ander grijs?

Naar welke onherkenbaarheid?

Auf dem Fahrrad

Offen und bloß das Land. Und irgendwie schön
in der traurigen, dekorativen Geometrie
stets gleicher Feldwege,
die sich im Grau verlieren.
Stark fühlt er sich schon,
mit gepanzerten Schultern auf dem Rad, lachend
in das ganze Grau. Und einsam, verdammt nochmal.
Einsam wie die Tontaube
am Rand seines Blickfeldes.
So fährt er. Doppelflinten und Kettenhund trotzend.
Und dem traurigen, törichten Wintertag (ohne Schneehase,
Polarfuchs und Yeti).
So fährt er. Und in der breiigen Blattmasse
des Waldsaumes bäumt sich sein Fahrrad kurz auf.
Im wilden Karussell von Weiden, Pappeln
und wogenden Wiesen fährt er dort gottverlassen
durch das Grau. Zu welchem anderen Grau?
Zu welcher Unkenntlichkeit?

Der Ball (Rainer Maria Rilke, 31.7.1907, Paris )

Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freilässt -, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.

Der Schatten des Körpers des Kutschers, 1952, Peter Weiss,

Peter Weiss, geboren 1916 bei Berlin, übersiedelte 1940 nach Schweden. Er arbeitete als Maler, Filmemacher und Schriftsteller und schrieb bis Ende der fünfziger Jahre in Schwedisch. Er starb 1982 in Stockholm. In seinem Mikroroman werden die engen Innenräume einer bürgerlichen Hölle geschildert, in der nur noch die Rituale einer oberflächlichen Ordnung den alltäglichen Ablauf sichern. Die banalste Beobachtung wird in Sprache umgesetzt. Zwei Gruppen, die Familie mit dem väterlichen Oberhaupt auf der einen Seite und fünf Junggesellen - mit dem schreibenden Erzähler -, versorgt von der Haushälterin und dem Hausknecht, bilden eine häusliche Wohngemeinschaft. Kein Gefühl, keine menschliche Nähe, keine normale Verständigung werden beschrieben.

Durch die halboffene Tür sehe ich den lehmigen, aufgestampften Weg und die morschen Bretter um den Schweinekofen. Der Rüssel des Schweines schnuppert in der breiten Fuge, wenn er nicht schnaufend und grunzend im Schlamm wühlt. Außerdem sehe ich noch ein Stück Hauswand, mit zersprungenem, teilweise abgebröckeltem gelblichem Putz, ein paar Pfähle, mit Querstangen für die Wäscheleinen, und dahinter, bis zum Horizont, feuchte, schwarze Ackererde. Dies sind die Geräusche: das Schmatzen und Grunzen des Schweinerüssels, das Schwappen und Klatschen des Schlammes, das borstige Schmieren des Schweinerückens an den Brettern, das Quietschen und Knarren der Bretter, das Knirschen der Bretter und lockeren Pfosten an der Hauswand, die vereinzelten weichen Pfiffe des Windes an der Ecke an der Hauswand und das Dahinstreifen der Wind-böen über die Ackerfurchen, das Krächzen einer Krähe, das von weither kommt und sich bisher noch nicht wiederholt hat (sie schrie Harm), das leise Knistern und Knacken im Holz des Häuschens, in dem ich sitze, das Tröpfeln der Regenreste von der Dachpappe, dumpf und hart, wenn ein Tropfen auf einen Stein oder auf die Erde fällt, klirrend, wenn ein Tropfen in eine Pfütze fällt, und das Schaben einer Säge, vom Schuppen her. Das ruckhafte, zuweilen kurz aussetzende und dann wieder heftig einsetzende Hin und Her der Säge deutet darauf hin, dass sie von der Hand des Hausknechts geführt wird. Auch ohne dieses besondere, oft von mir gehörte und durch Vergewisserung bestätigte Merkmal wäre es nicht schwer zu erraten, dass der Hausknecht die Säge handhabe, da außer ihm nur ich, und selten einmal der Hauptmann, doch nur am frühen Morgen und mit unverkennbarer Langsamkeit, sich des Holzes im Schuppen annehmen; es sei denn, dass eben ein neuer Gast eingetroffen wäre und sich mit dem Werkzeug und dem straffen Vorbeugen und Zurückziehen des Rückens und der vorstoßenden und zurückschnellenden Armbewegung von der Steifheit in den Knochen nach der langen Wagen-reise hierher erholen will. Doch ich habe den Wagen nicht kommen hören, weder das Scheppern der Räder und Riemen, noch das Poltern der Karosserie, weder das Hornsigna des Kutschers, das dieser bei seiner Ankunft auszustoßen pflegt, noch sein Schnalzen mit der Zunge und seinen trommelnden Zungenlaut, mit dem er das Pferd zum Halten mahnt, auch das Stampfen des Pferdes habe ich nicht gehört, und auf dem aufgeweichten Feldweg müsste es zu hören gewesen sein. Und wäre der Gast zu Fuß angelangt, so ist es unwahrscheinlich, dass er sich gleich in den Schuppen begeben hat, und selbst wenn er, vielleicht aus Neugier, in den Schuppen getreten wäre, so hätte ihn die Müdigkeit nach dem langen Gehen (eine Tageswanderung zu Fuß von der nächsten Stadt aus) und die Dicke und Unförmigkeit der Wurzelstücke und Baumstümpfe von der Arbeit abgehalten. Ich bleibe also dabei, dass es der Hausknecht ist, der im Schuppen die Säge in die schweren Holzblöcke hineindrückt und in ihnen hin und her zieht […].

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Schreibwerkstatt 1. Halbjahr 2009

1. Thema: „Manche mögen Poesie“ - „In vielen Familien schreibt niemand Gedichte.“- „Ich sehe dass ich dasitze und schreibe.“- „Vielleicht könnte man zehn Zeilen schreiben, die gut sind.“

- "Wenn ein Schreibender in einer Winternacht ....." Vervollständige den Satz.

Beispiel: Wenn ein Dichter in seinem Urlaubsort am Bodensee die Sonne in dem Wasser versinken sieht, greift er in der Nacht zur Feder, um seine Gefühle und Gedanken zum Klimawandel zu formulieren.

- Cluster "Schreiben". Formuliere einen Satz aus den aufgeschriebenen Wörtern.

Beispiel: Als der Autor seinen Roman zum dritten Mal umschrieb, wechselte er sein Schreibwerkzeug und seinen Stil. Er schrieb nicht mehr mit seiner Schreibmaschine, sondern tippte den Text in seinen PC, suchte ein literarisches Forum und machte den Text in einem Blog der Öffentlichkeit zugänglich.

- Aufgabe: Schreibe im Stil der folgenden Autoren einen eigenen Text.

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Wislawa Szymborska, Manche mögen Poesie und Lob der Schwester
Inger Christensen, Ich sehe


Variation zu W. Szymborska

Menschen mögen Krieg

Menschen -
das heißt nicht alle.
Nicht einmal die Mehrheit, sondern die Minderheit.
Abgesehen von Parteien, wo man mögen muss,
und von den Kriegsförderern selbst,
gibt`s davon etwa zwei pro Tausend.

Mögen -
aber man mag auch ein Honigbrot
mag Spaziergänge in der Frühlingssonne,
mag den Gesang der Vögel,
mag den Erfolg beim Kartenspiel,
mag Katzen und Kinder streicheln

Krieg -
was aber ist Krieg.
Manch windige Antwort
hat es auf diese Frage bereits gegeben.
Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich wehre mich dagegen,
wie gegen die hereinbrechende Nacht.

Mieze

Meine Katze hat ernsthafte Probleme
und wird wohl nicht plötzlich mit sich und der Welt im Reinen sein.
Sie hat`s wohl von meiner Frau, die auch ihre Probleme hat,
auch von mir.
Unter unserem Dach fühlt sie sich gesichert.
Meine Kinder haben ebenfalls Probleme.
Und klingt es auch wie eine Bildschlagzeile,
jeder von meinen Verwandten hat Probleme.
Meine Katze sucht ihre Ruhe.
Mehrmals täglich besetzt sie meinen Ruheplatz,
rollt sich zusammen, schließt ihre Augen.
Dann weiß ich, sie sagt mir:
Ich habe ganz und gar
überhaupt keine Probleme

Variation zu I. Ch.

gebeugt
über den schreibtisch drück ich die tasten
sehe den cursor blinken sehe buchstaben
im tross des schwarzen striches lese
beuge mich vor in die leere dahinter
lese geglücktes gedachtes getippt ins
weiße schwarz gerändert buchstaben
vor meinen augen wörter zu sinn
geschrumpft beuge ich mich in sie
gespeichert bleibt das geschriebene
hinterdrein sich druckend aufs weiße Papier
ich sitze und melde mich ab
getrieben vom ungeschriebenen

Leben, Erinnern, Schreiben - Variationen zu RMR

Ich glaube, ich könnte aufhören zu arbeiten, jetzt, da ich schon über 30 Jahre als Lehrer tätig war, und ich könnte aufhören zu reisen, da ich so viel von der Welt schon gesehen habe. Es ist so viel schon geschehen in meinem Leben. Ich könnte aufhören zu schreiben.

Zur Erinnerung: ich habe als Kind Abenteuergeschichten geschrieben und Krimis im Stile Jerry Cottons, die Lehrer haben es mir nicht geglaubt und Gedichte. Aber mit meinen heutigen Versen haben sie so wenig zu tun wie barocke Möbelstücke mit dem Bauhaus-Stil und auch mit der Pop-Kultur. Von der Literaturzeitschrift Akzente wurden sie mit Empfehlung weitergereicht. Ich habe sie später irgendwann vernichtet. Denn Verse sind nicht, wie manche Leute meinen, Gefühle, die hochtrabend, pathetisch daherkommen. Um eines Verses willen muss man sich sehr bemühen, und immer wieder andere Möglichkeiten ausprobieren, etwas in Worte zu fassen. Man muss die gefundenen Worte formen, ja in einen Rahmen setzen, und dann lesen, laut lesen. Man muss den gewohnten Klang vergessen können. Mal sollte man den Text flüstern, mal mit gehobener Stimme sprechen, mal nett, mal böse, immer wieder neu. Man muss zurückdenken können an Situationen, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die im Innern, im Kopf oder im Herzen, wachsen wie Samenkörner in warmer, feuchter Erde. Dann kann es geschehen, dass in einer ruhigen Stunde das erste Wort eines Verses plötzlich da ist und wie ein Pflänzchen aufwächst und sich eine Form sucht.

Aber so sind nur wenige Texte entstanden, also sind es keine echten, sind Bastarde. War ich ein Nachahmer, dass ich eines Vorbilds bedurfte, um gute Texte zu schreiben? Wie leicht ich in die Falle ging. Und ich hätte doch wissen müssen, dass diese Anderen, die durch alle meine Texte gehen, die nicht ich sind, keine Bedeutung haben. Muss ich sie leugnen? Durfte ich sie als poetische Reittiere benutzen?

Aber ich fahre weiterhin durch die Gewässer der Literatur, umfahre die Klippen der Bestseller, notiere die Ereignisse meiner Reisen, gerate in den Strudel fremder Kulturen und lasse es geschehen, dass die Wellen mich hierhin und dorthin treiben und mich manchmal verschlingen. In der Hand halte ich dann die bunten Fische, Korallen- oder Schlammfische, und suche einen Markt, sie anderen zu zeigen, z.B. euch.

2. Thema: Wörter überschwemmen dich, die Idee kommt beim Reden, Dinge werden zu Wörtern, die Schöpfung wird noch einmal gedacht.

Ernst Jandl, von wörtern,
Hertha Kräftner (1928-1951), Sieh, ich bin deine Gebärde
Paul Celan, Aus Sprachgitter
Heinrich von Kleist (1805), Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Beispiele von Günter Neuenhofer, im März 2009:

Ratschläge

Hör, ich will dein Ratgeber sein.

Lass es nicht zu,
dass er dich verlässt.
Ich vermute ganz stark:
Du wirst ihn verlieren
weil der Abschied
so endgültig ist.

Geh, geh.
Geh ein Stück deines Weges, geh,
geh ins Ungewisse,
willst leben, willst leben.

Es geht, geht so!

Über die allmähliche Gesundung eines Menschen beim Gehen

Wenn du dich nicht wohl fühlst und dein inneres Gleichgewicht wieder finden möchtest, so rate ich dir, mein Lieber, geh hinaus aus deinem Zimmer in die Natur. Es braucht nicht eben ein großer Park zu sein, auch meine ich nicht, dass du dort auf einer Parkbank verweilen solltest: nein. Vielmehr solltest du allererst mit großen Schritten über die Wege gehen und dabei die frische Luft tief einatmen. Ich sehe dich zwar große Augen machen und mir antworten, man habe dir in früheren Jahren den Rat gegeben, den Arzt als besten Ratgeber aufzusuchen und dich nicht lange mit einem Unwohlsein herumzuschlagen, dessen Ursachen du nicht eindeutig feststellen kannst. Damals mag dir der Rat als der beste erschienen sein, ich will, dass du nicht auf den Rat Fremder hörst, die dich nur sehr ungenügend kennen, sondern auf deinen eigenen Rat, auf die Signale deines eigenen Körpers. Horche auf dich selbst. Bewege dich in der Natur, und deine Natur wird zu dir sprechen. Im übrigen lassen sich beide Ratgeber gut miteinander verbinden. Dein Körper sagt es dir, und dein Arzt wird es dir sagen. In beiden Fällen musst du gehen, über die Wiesen, die Felder, durch den Park, den Wald und über die Asphaltstraßen zu deinem Arzt. Der Volksmund sagt, Probieren geht über Studieren.

von menschen

erwarte
von anderen nichts
sie handeln nur
für sich
sie wissen es nicht
überrennen dich
und dein leben
was sie dir
angetan
kann
etwas sein
für
zeitungsschreiber

3. Themen: Beschreibung von Vorgängen - Erzählhaltungen - jambische und trochäische Versmaße in Texten

Ich ging im Walde so vor mich hin (Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832),
Das alte Lied (Fridolin Tschudi, 1912-1966),

Ulysses (James Joyce, 1914 und 1921 )

Es ist etwa zwei Uhr in der Nacht. Bloom nimmt Stephen mit zu sich nach Hause. Bloom hat seinen Schlüssel vergessen. Er klettert durch ein Fenster ins Haus und schließt dem wartenden Stephen die Tür von innen auf. Bloom bietet Stephen an, in der Eccles Street 7 zu übernachten.

Wurde der Vorschlag der Asylgewährung angenommen?
Er wurde prompt, unerklärlicherweise, auf liebenswürdige Art, mit Dank abgelehnt…..

Welche Handlung führte Bloom beim Eintreffen an ihrem Bestimmungsort aus?
Auf der Haustreppe der 4. der äquidifferenten ungeraden Nummern, Eccles Street Nummer 7, führte er mechanisch die Hand in die Gesäßtasche seiner Hose, um den Wohnungsschlüssel herauszuholen.

Befand dieser sich dort?
Er befand sich in der entsprechenden Tasche der Hose, welche er am vorvorangegangenen Tage getragen hatte.

Warum wurde er hierdurch doppelt zum Zorn gereizt?
Weil er vergessen hatte und weil ihm einfiel, daß er sich zweimal gemahnt hatte, nicht zu vergessen.

Welche Alternativen boten sich nunmehr dem vorsätzlich und (respektive) schlüssellosen Paar?
Rein oder Nichtrein. Klopfen oder Nichtklopfen.

Beispiel von G. Neuenhofer, im April 2009

Verschlossene Türen in fernen Ländern

15.00 Uhr

Es ist etwa drei Uhr am Nachmittag. James gelingt es, den alten, qualmenden Diesel mit den beiden Touristen bis zu einem einsamen Waldhaus am Ufer des Urwaldflusses zu steuern, bevor dieser röchelnd seinen Geist aufgibt. Die Tür des Hauses ist verschlossen. James nimmt ein großes Messer und bricht die Schrauben, die das Schloss halten, aus dem Holz und reißt die Tür auf, so dass die Wartenden ihr Gepäck ins Haus bringen können. James bietet ihnen an, in dem Haus zu übernachten.

Welche Handlung führte James nach der vergeblichen Suche nach einer Unterkunft und dem drohenden Versagen seines Autos aus? Er ließ das Auto bis zum nächsten Haus am Rand eines Urwaldflusses ausrollen.

Wurde der Vorschlag einer Übernachtung angenommen? Er wurde prompt verständlicherweise, auf empörte Art, abgelehnt…..

Hatten die Touristen eine andere Chance? Nein, sie befanden sich hier in fremder Landschaft. Sie mussten den Vorschlägen von James in allen Punkten folgen.

Wie konnte James die Tür zum einsamen Waldhaus öffnen? Er suchte mit seiner rechten Hand in dem Handschuhfach unter den Autopapieren, einigen Rechnungen von Hotelübernachtungen neben einer Packung Zigaretten.

Befand sich dort ein Schlüssel? Es lag dort ein Fahrtenmesser.

Konnte er die Tür des Hauses ohne Schlüssel öffnen? Ja, er nahm sein großes Messer und hebelte die Schrauben, die das Schloss hielten, aus dem Holz des Türrahmens und riss die Tür so weit auf, dass der Zugang ins Haus möglich war.

Wurden die Touristen durch diesen Vorgang zum Zorn gereizt? Weil sie nichts Unrechtes tun wollten und sich vorgenommen hatten, immer vorsichtig zu sein.

Welche Alternativen boten sich nunmehr dem vorsätzlich und (respektive) schlüssellosen Beteiligten? Rein oder Nichtrein. Suchen oder Nichtsuchen.

18.00 Uhr

Es ist etwa sechs Uhr am Abend. James gelingt es, seinen alten Ambassador mit den beiden Gästen bis zu einem Eisentor zu steuern. Die Tür ist verschlossen. Das Eisentor ist durch Ketten und Schlösser gesichert. Er klettert über das Tor und über den Stacheldraht ins Innere des Parks und läuft zu dem Missionshaus im Hintergrund. Nach einer geraumen Zeit kommt ein Priester und schließt den im Dunkeln Wartenden die Tür von innen auf und bietet ihnen an, in dem Schulhaus der Salesianer zu übernachten.

Wurde der Vorschlag der Übernachtung angenommen?
Er wurde prompt, unerklärlicherweise, auf liebenswürdige Art, mit Dank angenommen…..

4. Themen: Redewendungen und Bilder als Anregungen zum Schreiben

1) Schreibe einen Text, in dem einige der folgenden Redewendungen vorkommen:

Das geht auf mich! - Es geht einem etwas über die Hutschnur - Das geht über meinen Verstand!- Ich glaube, es geht los - Das geht zu weit! Das geht klar! Jemandem geht ein Licht auf.

2) Schreibe zu folgenden Bildern Texte in der Ich-Form (Selbstgespräch) und in der Er-Form nach dem Muster von James Joyce!

- Foto einer Frau und Zimmer in New York, E.Hopper, 1932,

- Setze die stilistischen Merkmale des Joyce-Textes Stück für Stück um! Komprimiere deine Geschichte, indem du nicht mehr Wörter benutzt als Joyce. Imitiere auch den Satzbau. Füge jeweils die zu deiner Geschichte passenden Wörter ein.

(Kurze Sätze, Er-Erzählung, Dialog, Selbstgespräch ohne Zwischenglieder, assoziative Reihung von Wörtern)

James Joyce, Ulysses

Mr. Bloom beobachtete neugierig, freundlich, die geschmeidige, schwarze Gestalt. Sauberer Anblick: der Glanz ihres glatten Fells, der weiße Knubbel unter dem Knauf ihres Schwanzes, die grünen, blitzenden Augen. Er bückte sich zu ihr hinab, die Hände auf den Knien.

– Milch für das Pussilein, sagte er.

– Mrkgnau! schrie die Katze.

Die sollen dumm sein. Dabei verstehn sie besser, was wir sagen, als wir sie verstehn. Sie versteht alles, was sie will. Auch rachsüchtig. Grausam. Ihre Natur. Neugierige Mäuse piepen nicht. Scheinen es zu mögen. Möchte doch wissen, wie ich ihr vorkomme. Turmhoch? Nein, sie kann ja an mir hochspringen.

Original:
Mr Bloom watched curiously, kindly the lithe black form. Clean to see: the gloss of her sleek hide, the white button under the butt of her tail, the green flashing eyes. He bent down to her, his hands on his knees.

—Milk for the pussens, he said.

—Mrkgnao! the cat cried.

They call them stupid. They understand what we say better than we understand them. She understands all she wants to. Vindictive too. Cruel. Her nature. Curious mice never squeal. Seem to like it. Wonder what I look like to her. Height of a tower? No, she can jump me.

Komprimiere deine Geschichte, indem du nicht mehr Wörter benutzt als Joyce. Imitiere auch den Satzbau. Füge jeweils die zu deiner Geschichte passenden Wörter ein.

Paare

1.(zum Foto einer Frau)
Lisa schaute nachdenklich, träumend, auf das rote Plastiktuch. Seine Augen auf der anderen Seite des Tisches: glanzlos die dunkle Pupille, die struppigen Haare über den schmalen Schlitzen seiner Augen, die wirre, fettige Mähne in seiner Stirn. Sie lehnt sich zurück, die Hände flach auf dem Tisch.

„Eine Limonade für mich“, sagte sie.
„mmmmm!“, stieß er hervor.

Dieser Typ will cool sein. Dabei ist das, was sie wollen, leichter zu durchschauen, als sie glauben. Er kann nicht sagen, was er will. Total schüchtern. Sein Charakter. Eltern setzen die Regeln. Scheinen autoritär. Möchte doch wissen, wie ich ihm vorkomme. Gut erzogen? Ja, er kann doch seinen Mund aufmachen.

2. (Zum Hopper-Bild)
Die Frau legte einen Finger auf die Tasten des Klaviers, kalt, glatt. Der Mann im roten Sessel: das Gesicht über dem Zeitungsblatt, die dunkle Weste und die Krawatte auf dem weißen Hemd. Er beugt sich vor, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln.

Winterreise, sagte sie.
Kein Laut kam von seiner Seite.

Die sind unerträglich. Dabei wissen sie genau, was wir wollen. Er weiß, was ich will. Auch egoistisch. Bestimmend. Ihr Charakter. Ehefrauen kochen und waschen. Dafür sind sie da. Möchte doch wissen, wie er mich findet. Lästig? Nein, er erwartet die Erfüllung seiner Wünsche.

5. Musikalische Elemente in Texten

Gesehenes und Erinnertes: geschrieben als fließender Text, als Zeilengedicht, als Fuge.

Musikalische Strukturen durch verschiedene Themen, die wiederholt, verschränkt und variiert werden. Wortklänge durch rhythmische und klangliche Elemente.

Norbert Hummelt: aus „gegen morgen“, 1997

Was ich geschrieben habe habe ich geschrieben sie wird wiederkommen u. mich fragen warum das alles ich weiß alles sehr genau ich habe nichts vergessen ich sitze an diesem fenster zum platz es ist spät es ist nacht es ist weit nach mitternacht es ist frühling - es ist frühling es muss frühling sein ich habe einen kalender es ist vollmond es ist frühling es muss frühling sein es ist vollmond es muss vollmond sein der mond ist weiß der mond ist gut ich weiß nicht wie der mond in die gosse gekommen ist da liegt er gut ich sehe die ampeln ich liebe die ampeln es gibt nur ampeln ich liebe die ampeln im schwarzen regen wenn die straßen glatt gebügelt sind wie silberpapier dann wird sie wiederkommen u. mich fragen ich sitze an diesem fenster es regnet es ist frühling es muss frühling sein es ist vollmond es muss vollmond sein es regnet es regnet nicht ich stehle bei beckett sie merkt es nicht…die vögel es ist frühling es muss frühling sein es ist vollmond es muss vollmond sein es regnet es regnet nicht die vögel keine vögel es ist vollmond der mond wirft regen auf den schwarzen asphalt welcher mond wenn ich fragen darf ich sag ihr es sei an der zeit wieder prosa zu schreiben ….weiße prosa schwarze prosa mattglänzende leise schwingende prosa…

Paul Celan: aus „Todesfuge“, 1945

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Rainer Maria Rilke: aus „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, 1899

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag,
durch die Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden
und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr,
kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen.
Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen.
Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild.
Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht
manchmal glaubt man den Weg zu kennen.
Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder
das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne
mühsam gewonnen haben? Es kann sein.
Die Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer.
Aber wir haben im Sommer Abschied genommen.
Die Kleider der Frauen leuchteten lang aus dem Grün.
Und nun reiten wir lang. Es muß also Herbst sein.
Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen.

Unwirklich (Variation zu Norbert Hummelt)

was ich erlebt habe habe ich erlebt ihr werdet es nicht glauben u. fragen wie ist das möglich ich weiß nicht genau ich schaue hoch es ist kein traum es ist nach sonnenaufgang es ist tag es ist tag es muss tag sein ich habe schlechte ohren die autos auf der straße es ist tag es muss tag sein die autos sind laut ich weiß nicht wohin die autos fahren die nachrichten sprechen von katastrophen unerklärlich die zerstörung das geld des bürgers des staates es ist tag es muss tag sein ich höre die autos viel geld wenig geld es ist tag ihr werdet entlassen in insolvenz ein schwarzer tag ein weißer tag die nachricht stört was stört dürft ihr fragen am abend fließen die worte in den gully kein geld geld ohne arbeit schwarze worte reißen euch in den tag u. ihr wollt es nicht glauben ich auch nicht kein traum es ist ein tag es muss ein tag sein ein schwarzer tag ein weißer tag ein laut polternder katastrophentag

Zeitgemäße Fuge nach Paul Celan

zwischen den Zähnen das steinige Brot der Krise
wir beißen wir kauen wir knirschen
wir würgen und würgen
ein Mann wohnt im Haus der Banker der spielt mit dem Geld der Sparer der pokert
der pokert so hoch ihm gefällt das Reichsein
der fordert Millionen wenn`s kriselt vom Steuerzahler gebt mehr mir
er fordert Milliarden er tritt vor sein Haus und es heulen die Aktionäre
er pfeift seine Trommler herbei lässt trommeln jetzt gebt mir das Geld in die Hände
er fordert lässt uns die Steine zum Beißen zum Kauen zum Würgen

Günter Neuenhofer, Mai 2009

Kursprogramm 2008, 2. Halbjahr

1. Einfache Gedichtformen:

Texte nach bestimmten Regeln: Elfchen, Haiku (Kusakabe Kyohaku 17. Jh.)
Minimalistische Kunst bzw. arte povera:

G.Ungaretti 1888-1970, Mattina und Stasera
Rolf Dieter Brinkmann, Photographie

2. Dingsymbol und Leitmotiv als Konzentrationspunkte

Texte zur Anregung und Orientierung:
Marguerite Duras, Text aus “Der Liebhaber“
Franz Kafka (1883-1924), Der Fahrgast
E.Jandl (1925-2000), das tuch (aus „idyllen“, 1985) und das hemd (aus “die bearbeitung der mütze, 1981)

3. Leitmotiv "Natur/Wolken"

Texte:
Inger Christensen (dänische Lyrikerin, aus: „det/das“, 1969/2002)
Ludwig Uhland, 1787-1862, Abendwolken
Günter Kunert, Auf der Schwelle des Hauses
Robert Walser, 1878-1956, Kleine Wanderung

4. Autobiografische Texte:

Texte:
Elias Canetti, 1905-1994, Text aus Die gerettete Zunge, Geschichte einer Jugend
Norbert Hummelt, geb. 1962, nachmittage
Inger Christensen, (Dänische Lyrikerin, 1935 geb.), Text aus „alphabet“, 1981

5. Leitmotiv „Zimmer“ (drinnen-draußen)

Texte:
Rilke, aus „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, 1910
Franz Kafka, Großer Lärm, 1912
Max Dauthendey, 1867 – 1918, Die Mittagsstund'
Guntram Vesper, geb.1941, Licht in das Leben


6./7. Montagen/Collagen

Collagen mit Werbesprüchen und Schlagzeilen, mit Sprichwörtern und mit geschichtlichen Fakten

Texte:
Ingeborg Bachmann, Reklame
Ulla Hahn, Im Märzen
James Joyce, Ulysses, 1922

Semesterprogramme:

VHS-Borken

1. Halbjahr 2008

2. Halbjahr 2007

1. Halbjahr 2006, 2. Halbjahr 2006

1. Halbjahr 2005, 2. Halbjahr 2005

1. Halbjahr 2004, 2. Halbjahr 2004

1. Halbjahr 2003, 2. Halbjahr 2003, s.u.

Texte der Kursteilnehmer  

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Schreibwerkstatt 2. Halbjahr 2003

1. (25.9. 03)

Verknappung von Sprache als literarisches Qualitätsmerkmal

Überlegungen zum Veröffentlichen von geschriebenen Texten:
- Gemeinsames Schreiben eines Textes mit Partnern über Handy/ SMS und Email
- Veröffentlichung von Texten auf Internetseiten und in Zeitungen
- Vortrag von Texten bei einer Abendveranstaltung evtl. mit Musik (z.B. im Heimatmuseum oder in einem Lokal)

Konzentration und Reduktion von Aussagen für die Entwicklung kleiner Gedichte

Beispiel:
G.Ungaretti 1888-1970 (Minimalistische Kunst bzw. arte povera)

Morgen

Ich erleuchte mich
durch Unermessliches

Übersetzung: Ingeborg Bachmann

Mattina

M`illumino
D`immenso

VierWörter auf sieben Silben reduziert, fast nur aus Vokalen bestehend.
Die Übersetzung benötigt mehr Wörter und klingt durch das „-te“ und „er-“ sehr hart.

Heut abend

Ballustrade aus Wind
um heut abend
meine Traurigkeit
aufzustützen

Stasera

Balaustrata di brezza
Per appoggiare stasera
La mia malinconia

Drei Zeilen mit jeweils drei Wörtern, in denen 13mal ein klingendes a vorkommt.

Einfache Gedichtformen: Elfchen und Japanisches Haiku (11 Wörter in 5 Zeilen bzw. 5-7-5 Silben in 3 Zeilen)

Kreative Übungen

1. Fünf Zufallswörter (ein Substantiv, ein Eigenschaftswort oder ein Verb) die jeweils die Kursteilnehmer einem TN zurufen, sollen in einem sinnigen oder fantastischen Satz zusammengefasst werden. (Ziel: Annäherung an ein Thema)

2. Die Wörter sollen lawinenartig in eine Gedichtform (Berggedicht) gebracht werden. In der ersten Zeile soll nur ein Wort stehen, dann soll von Zeile zu Zeile ein weiteres Wort hinzukommen. In der letzten Zeile soll nur ein Wort als Abschluss stehen.

3. Ein sinniger oder unsinniger Erzähltext soll mit Hilfe der Zufallswörter entstehen.

Beispiele

Von den Kursteilnehmern vorgegebene Zufallswörter:

Gebet, Vogelnest, Unglaube, Ausschuss, geschwind

Satz mit den Wörtern:

Wie in einem Vogelnest verbirgt sich geschwind der Ungläubige, weil er sich wie Ausschuss fühlt und das Gebet verabscheut.

Berggedicht

Geschwind

Läuft er

Zur Tür hinaus.

Er will nicht beten.

Lieber sucht er ein Vogelnest.

Sein Unglaube verletzt seine fromme Mutter,

die da meint „Du bist nur Ausschuss“.

O nein!

(Werkstatttexte H.G.Neuenhofer)

Schreibwerkstatt

2. (16.10. 03)

Oberfläche und Tiefe
Sichtweisen beim Schreiben

Metaphernkreisspiel: Frage an die Teilnehmer. Was wäre diese Person als Tier, als Pflanze, als Gebäude, als Buch, als Musikinstrument/Musikstück, als Kleidungsstück...?

Wähle einen konkreten Gegenstand aus deiner alltäglichen Umgebung aus.

1. Beobachte diesen realen Gegenstand. Zeichne den Gegenstand bzw. mehrere Gegenstände oder schreibe die Namen der Gegenstände auf ein großes Blatt Papier. Schreibe weitere Wahrnehmungen hinzu.

2. Entscheide dich für einen Gegenstand.

3. Schreibe auf, welche Bedeutung der Gegenstand für dich haben kann und übertrage die Eigenschaften, auch das Aussehen, auf eine Person.

4. Schreibe einen zusammenhängenden Text (Prosa, Verse, Dialog), in dem ein Gegenstand symbolisch wird, d.h. mehrere Bedeutungen bekommt, s. Beispiel 1

I. Übungen zur gestalteten literarischen Beschreibung des Äußeren eines Gegenstandes nach Vorbildern

Der rote Handkarren

soviel hängt ab
von

einem roten Hand-
karren

glasiert vom Regen-
wasser

bei den weißen
Hühnern

The red wheelbarrow (von W.Carlos Williams)

so much depends
upon

a red wheel
barrow

glazed with rain
water

beside the withe
chicken

Aufgabe: Schreibe nach dem Muster dieser Verse über den von dir ausgewählten Gegenstand. Beginne mit den ersten beiden Zeilen. Benenne die Farbe, etwas Besonderes, etwas aus dem Umfeld. Beschränke dabei die Wörterzahl auf 16 und verteile sie nach dem Muster 3/1, 3/1, 3/1, 3/1. s.u.. Beispiel 2

II. Übungen zur Gestaltung eines Bewegungsvorgangs nach einem Vorbild. Das Bild läuft ab wie eine Filmsequenz.

Einfaches Bild (v. Rolf Dieter Brinkmann)

Ein Mädchen
in
schwarzen
Strümpfen
schön, wie
sie
herankommt
ohne Laufmaschen.
Ihr Schatten
auf
der Straße
ihr Schatten
an
der Mauer.
Schön, wie
sie
fortgeht
in schwarzen
Strümpfen
ohne
Laufmasschen
bis unter
den Rock.

Aufgabe: Schreibe nach dem Muster dieser Verse über den ausgewählten Gegenstand.

Benenne den Gegenstand und das Äußere, übernimm das zweimalige ̶schön, wie“ bei den Bewegungsverben und die zweimalige Wiederholung eines Substantivs. s.u.. Beispiel 3

Hausaufgabe:

Suche Fotos mit interessanten Einzelobjekten und setze den optischen Inhalt in Sprachbilder um. Schreibe drei Texte, zunächst nach den beiden obigen Mustern und dann noch einen freien, selbst gestalteten Text.

Beispiele:

1. Frei gestaltet

(Solange er seine Augen geschlossen hält yogamäßig weg, kann ich was machen, sagt sich Kali, die Schreckliche, und leckt wie gewöhnlich mit ihrer langen Zunge über ihr Brustbein. Wie Zecken diese Sucher. Abgedreht und durcheinander. Wahrscheinlich tanzen in seinem Hohlkopf jetzt alle seine Frauen durcheinander. Jetzt saugt er doch tatsächlich, aber ich bin nicht die Alte von Ephesus, schau her, 1000 Männerköpfe hängen an meinem Hals, also pass auf, lass das Schnurren, Katzen haben Flöhe.

Ich verpass ihm den roten Punkt, dann hat er sein Auge der Weisheit. Vielleicht sieht er dann klarer. Flügel und Brüste, da gröhl ich mein Nachtlied doppelt laut. Und lass das Saugen, ich vertrag das nicht. Lächeln ist nicht mein Markenzeichen. )

du liegst in meiner hohlen hand
kühl, glatt und hart
dafür gemacht
du füllst sie ganz

du liegst in meiner hohlen hand
mal hier, mal da,
dafür gemacht
mein muschelmund

du liegst in meiner hohlen hand
folgst meinem wunsch
ein wenig grau,
mein niemandsland

So sang er hinter dem Herbstblumenfenster die rostroten Töne Shivas in den Leib der Gitarre.

Schön könnte es sein. Seine Finger spielten auf den Tasten und mit der rechten Hand bewegte er seine Zaubermuschel. Zwei hatte er. Falls die erste nicht wollte, nicht mehr wollte, spielte er linkshändig. Versonnen schaute er auf die Nabelschnur zu seiner Linken. Seine rechte Muschel hatte dagegen keine feste Verbindung zu seinem Bildfenster. Voll Wohlbehagen legte er seine Hand auf ihre Wölbungen und schob sie langsam über ihren Rücken. Es bereitete ihm Vergnügen. Sie strahlte zwar nicht die sinnliche Wärme der anderen aus, ihre Haut war kühl und glatt, aber sie war technisch besser. Mit ihr konnte er weite Reisen unternehmen, konnte durch leichten Druck in die rechte oder linke Hüftseite sie dazu bringen hier und dorthin zu springen, über die Zeit und über die Räume.

Beide waren recht unterschiedlich.

An kalten Tagen, wenn er Schnee und Eis über diese Welt kommen ließ, nahm er lieber seine Kleine und drehte mit seinem Zeigefinger das Rädchen und sprang zu den verschiedensten Stellen, ließ Eis und Schnee verschwinden, zauberte Paradiese, hatte Mitleid mit den Menschen, die ihre Heimatdörfer verlassen mussten, gab ihnen eine weiße Wolke, gab ihnen ein Vogelnest, ließ die Katze für sie schnurren.

Er liebte beide. Er war Shiva, der tanzend Welten zerstörte und neue erschuf. Manchmal saß er hinter seinem Blumenfenster und alles war wüst und leer. Dann nahm er seine Muscheln und siehe, es ward Licht und das Feste schied sich von dem Wässrigen, er ließ Gras und Kraut aufgehen und er brachte Lebendiges hervor. Er glaubte nicht den Bibelworten, die da sagen, das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Gab es nicht Vogelnest und Wolke und stand es nicht in seiner Macht die Muschelhörner zu blasen, bis Durga erwachte und die kosmische Ordnung wieder herstellte?

Du liegst in meiner hohlen hand
Da ruh dich aus
denn manchmal ist`s finster
wüst und leer

So schlug er seine Akkorde in den Leib der Gitarre und hörte genussvoll die perlenden Sonnentöne der vor ihm auftauchenden eisbedeckten Spitzen des blauen Himalayas.

2. Nach vorgegebenem Muster

Die graue Maus

soviel hängt ab
von

der grauen Muschel
Maus

schmeichelnd in hohler
Hand

neben blitzendem Bild
schirm

3. Nach vorgegebenem Muster

Einfaches Bild

Eine Maus
mit
glänzendem Rücken
schön, wie
sie
gleitet
ohne Widerrede.
ihr Klicken
auf
dem Tisch
ihr Klicken
in
meiner Hand.
Schön, wie
sie
ruht
mit rot-grünen
Lichtern.

(Beispieltexte von H.G.Neuenhofer)

Schreibwerkstatt

3. (13.11. 03)

Erzählen nach einer vorgegebenen Struktur

Tipps von O.Preußler („Räuber Hotzenplotz“) nach einem Interview aus der FAZ v. 20.10.03

1. Die Phantasie beim Leser aktivieren, dass dieser z.B. den Baum rauschen hört.
2. Phantasieanregende Namen für Personen und Orte finden.
4. Alltägliche Dinge detailliert beschreiben (Essgewohnheiten, Leibspeisen).
5. Die Landschaft durch Messtischblätter erschließen.
6. Nach den ersten Notierungen auf Zettel oder Diktiergeräte den Text verdichten.

Eine kurze Geschichte erfinden und anekdotenhaft erzählen

Vorgegebene Struktur

1. Ausgangssituation mit Angabe der Zeit, des Ortes, der Personen und des Geschehens. Auf detaillierte Wahrnehmungen achten (Aussehen, Farbe, Geruch, Töne, Temperatur). Die Personen wechseln kurze Sätze miteinander.
2. Entwicklung der Geschichte durch sich steigernde Erzählstufen, in denen sich das Geschehen verändert.
3. Abschluss durch knappe Beschreibung einer neuen Situation

Spielerische Entwicklung einer Geschichte im Schreibkreis entsprechend der vorgegebenen Struktur

1. Jeder Teilnehmer schreibt eine Überschrift auf ein Blatt Papier und gibt es an den Nachbarn zur Linken weiter.
2. Jeder Teilnehmer schreibt die Geschichte in 10/15 Minuten eine Erzählstufe weiter.
3. Der Schreiber der Überschrift schreibt einen pointierten Schluss.

Überarbeitung oder Neugestaltung einer Geschichte aus dem alltäglichen Leben.

Übungen zum Stil und zum Aufbau einer Erzählung

Aufgabe: Herausarbeitung der typischen Merkmale einer Situation

Schreibstil und Erzählstruktur: Einzelbilder, die eine bestimmte Situation beschreiben, werden in Satzreihen aneinander gehängt. Vieles wird nur angedeutet. In mehreren Zeitsprüngen wird die veränderte Situation mehrfach beschrieben. Die gesamte Erzählung zeigt eine chronologische Entwicklung. Die Dramatik der Ereignisse steigert sich.

Literarisches Vorbild für die Struktur ist „Das schwäbische Bad“ von Herta Müller (aus „Niederungen“, Rotbuchverlag).

Beispiel:

Bilder einer Autofahrt über indische Straßen

Es ist früh am Morgen. Wir sitzen auf dem Rücksitz im Auto. Der Fahrer sitzt hinter seinem Steuerrad. Hinter uns im Font hängen das feuchte Handtuch des Fahrers und seine kurze Schlafhose. Während der Fahrer den Motor startet, kurbeln wir die Fenster herunter und atmen frische Luft von draußen. Das Auto setzt sich in Bewegung. Auf der Straße dröhnt ein LKW vor uns her. Aus seinem Auspuff löst sich eine schwarze Wolke. Wir halten den Atem an und kurbeln schnell die Fenster wieder hoch.

Es ist spät am Morgen. Der Fahrer öffnet die Seitentür und speit einen roten Saft auf die Straße. Die Kinder springen zu Seite. Eine Kuh leckt sich mit langer Zunge über den Rücken. Im Font des Wagens hängen ein trockenes Handtuch und eine braune Hose. Während der Fahrer anhält, weil ein Bus vor dem Auto steht, trinken wir Wasser aus einer Flasche. Eine Frau klopft ans Autofenster, zeigt auf ihren Mund und auf ein Baby, das sie hoch hält. Der Fahrer hupt und fährt zwischen zwei Handkarren weiter. Wir drehen unsere Köpfe in eine andere Richtung.

Es ist zur Mittagszeit. Der Fahrer sagt: Ich muss etwas essen, mein Frühstück. Das Auto steht zwischen alten Autoreifen. Beim Essen der Mehlpuffer schiebt sich der Fahrer viele grüne Chilischoten in den Mund. Wir kaufen eine Packung gesalzener Biskuits. Der Mann hinter dem Gaskocher taucht kleine Gläser in einen Eimer mit grauem Wasser und reibt mit einem fleckigen Tuch über das Glas. Wir fassen sie mit den Fingerspitzen und schlürfen den Milchtee ohne das Glas zu berühren.

Es ist am frühen Nachmittag. Die Klimaanlage bläst feuchte Luft in den Wagen. Wir halten nur mühsam die Augen auf. Unser Fahrer stoppt. Die Figur des elefantenköpfigen Gottes pendelt wild am Rückspiegel. Vor uns steht ein Bus ohne Vorderräder. Unter dem Bus liegt ein Mann mit einer großen Stange. Wir umfahren die Felsstücke auf der Straße und schaukeln durch die Löcher in der Piste. Einige Frauen tragen Körbe mit Steinen zu den Löchern, während andere mit einem Handbesen den Sand herauskehren. Wir schütteln mit dem Kopf und sinken in einen kurzen Schlaf.

Es ist am späten Nachmittag. Die Straße zeigt nur noch Löcher, breit und tief. Am Straßenrand liegt ein Hund mit dem Bauch nach oben. Es ist der fünfte Hund. Eine schwarze Krähe sitzt neben dem leblosen Körper. Unser Fahrer öffnet die Seitentür und speit einen roten Saft auf die rechte Straßenseite. Auf der linken Straßenseite drängen sich Schafe und Kühe. Ein Fahrradfahrer und Frauen mit großen Bündeln auf dem Kopf warten, bis wir vorbei gefahren sind. Wir drehen uns um und verfolgen sie mit unseren Blicken. Im Font hängen das graue Handtuch und die braune Unterhose.

Es ist am frühen Abend. Der Fahrer steuert das Auto langsam von einem Loch zum nächsten. Neben der Straße liegt ein LKW mit den Rädern nach oben. Wir essen kleine, gelbe Bananen, öffnen ein Fenster und werfen die Schalen hinaus. Am Straßenrand kommt uns eine lange Reihe von Kamelen entgegen. Auf ihrem Rücken schaukelt jeweils ein Bettgestell und Blechgeschirr. Auf dem Bettgestell sitzen Kinder und junge Lämmer. Wir halten an und machen Fotos. Die Kamele und die Frauen, die die Kamele führen, gehen ohne Pause weiter. Wir lächeln sie an und winken.

Es ist am späten Abend. Wir sehen keine Löcher in der Straße. Auch die Kühe und die Ochsenkarren sehen wir nicht. Der Fahrer fährt in Schlangenlinien. Ein anderes Auto fährt ebenfalls in Schlangenlinien auf uns zu. Wir halten die Luft an. Das Licht blendet, während wir langsam in ein Loch hineinrutschen. Als wir die Augen öffnen stehen wir vor einer grauen Wand. Wir holen tief Luft, öffnen die Autotüren und steigen aus. Unsere Unterkunft trägt den Namen Palasthotel.

Aufgabe: Die Verse der vorletzten Stunde sollen Teil einer neuen Geschichte werden.

Beispiel:

Im Batakland

Lose Enden lass ich baumeln
ohne Ende will ich taumeln
treiben durch den Märchenwald
sollen nik und nak mich wenden
als ein Geist in Wortgestalt

Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land, da hörte ich eines Abends, als die Sonne blutrot hinter dem Horizont verschwand, eine Stimme. Nur wenige Worte waren es, die wie hart geschlagene Gitarrenakkorde mir in den Ohren klangen „soviel hängt ab, hängt an, hängt ab“. Erschrocken schaute ich nach, wer die Worte gesprochen haben könnte. Ich schaute in alle Himmelsrichtungen, hinauf zu den Wolken und hinab zur Erde, aber ich konnte keinen Sprecher entdecken.

Am nächsten Abend zur gleichen Zeit, die Sonne stand wieder blutrot am Horizont, da hörte ich ganz deutlich die Worte „ein Drachen wird kommen mit spitzen Zähnen, in deiner Hand wird er liegen ohne Wildheit mit weißen Augen bis unter dein Kinn“. Erschrocken sprang ich auf und schaute umher, rieb mir erst Augen und schaute noch einmal in alle Himmelsrichtungen, hinauf zu den Wolken und hinab zur Erde. Nichts.

Als wieder Abend wurde, stellte ich mich ans Fenster, erwartete den Sonnenuntergang und die geheimnisvolle Stimme. Ein Windzug wehte um meine Nase, so dass mir ganz plümerant zumute war. Soviel hängt ab von dem weißen Drachen mit den spitzen Zähnen. Ich ließ den Satz baumeln im Wind. Mit spitzen Zähnen ohne Wildheit mit der Sonne zwischen den Krallen. Aber diesmal blieb die Sonne fahl hinter grauen Wolken. Enttäuscht drehte ich mich um und schloss das Fenster. Doch da hörte ich „verwandelt in Schlangenholz, soviel hängt ab vom braunen Holz“.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich nicht ganz wohl und dachte, ich werde einen dieser braunen Menschen kommen lassen, die sollen meinen Rücken massieren und meine Sinne wieder richten. Alsbald wurden nicht nur meine Muskeln gestreckt und gestaucht, auch meine Knochen wurden gerollt und zerlegt, so dass mir Hören und Sehen verging. Am Abend lag ich dar nieder und dachte nicht mehr an die Märchenstimme.

Am nächsten Tag konnte ich mich nicht mehr bewegen, weder nach oben noch nach unten, konnte mich nicht mehr drehen, weder nach rechts noch nach links.

Am übernächsten Tag lag ein brauner, schlangenförmiger Handstock neben meiner Liege, aber das änderte nicht viel an meiner Lage. Die Tage gingen dahin, die Monate, der Sommer kam und ging, der Winter klopfte an und verabschiedete sich. Täglich nahm ich meinen braunen Stock in die Hand, spürte, wie der Drache mit seinen spitzen Zähnen mich festhielt und sah, wie er mit seinen weißen Augen mich fixierte, so dass ich nur wenige Schritte tun konnte.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, wie viel Wasser den Rhein hinunter floss. Täglich drehte ich mich nach oben und nach unten, nach rechts und nach links. Die Schlangenkraft zog durch meine Muskeln in meine Knochen und richtete mich wieder auf. Da passierte es, dass eines Abends, als die Sonne blutrot hinter dem Horizont verschwand, ich wieder die alte Stimme hörte. Voller Kraft sang sie ein Lied.

Ein Drache
mit
spitzen Zähnen
schön, wie
er
liegt
ohne Wildheit
in deiner
Hand
seine Schlange
auf
dem Gehweg
seine Schlange
auf
der Straße
schön wie
er
gehorcht
mit spitzen Zähnen
ohne
Wildheit
die weißen Augen
unter
deiner Hand

Schnell schaute ich in alle Himmelsrichtungen, hinauf zu den Wolken und hinab zur Erde, nahm meinen Schlangenstock fest in die rechte Hand und humpelte zum Fenster. Nichts.

Märchengestalten sind unberechenbar, besonders am Abend, wenn sie sich mit dem blutroten Heiligenschein der Sonne umgeben.

Auch wenn mein Rücken etwas lädiert war und ich nicht mehr in meinem Beruf tätig war, so ging die böse Geschichte, die erst gar nicht zum Märchenende finden wollte, in meinem Falle dann doch ganz manierlich aus.

An Abenden, an denen die Sonne wie ein Feuerball versinkt, denke ich noch immer an die schicksalhaften Zauberworte, die ich im Bataklande hörte, und lass meine Seele baumeln.

soviel hängt ab
von
einem braunen Hand-
stock
verwandelt in Schlangen-
holz
von den braunen
Menschen

(Werkstatttexte H.G.Neuenhofer)

Schreibwerkstatt

4. (27. 11. 03)

Gruppenübung: die Teilnehmer tauschen ihre Erzählungen aus und jeder schreibt einige Ergänzungen oder Veränderungen zur Erzählung des Partners. (neuer Abschnitt, anderer Stil, wörtliche Rede, neue Verben oder Adjektive...)

Übungen zum Stil und zum Aufbau einer Erzählung

Vorgaben zu Schreibstil und Erzählstruktur (s.Schreibwerkstatt II/3):

Einzelbilder, die eine bestimmte Situation beschreiben, werden in Satzreihen aneinander gehängt. Vieles wird nur angedeutet. In mehreren Zeitsprüngen wird die veränderte Situation mehrfach beschrieben. Die gesamte Erzählung zeigt eine chronologische Entwicklung. Die Dramatik der Ereignisse steigert sich.

Literarisches Vorbild für die Struktur ist „Das schwäbische Bad“ von Herta Müller (aus „Niederungen“, Rotbuchverlag).

Übungen zum genauen Beobachten und zum Schreiben von Dialogen

Kurzszene nach einer vorgegebenen Struktur

Aufgabe: Schreibe eine realistische Szene mit vielen Details

Vorgaben: Beschränkung auf einen Ort, der wichtig für die Personen ist.
Genaue Ortsbeschreibung
Beschränkung auf drei Personen
Auftritt der 1. Person, die nach einiger Zeit wieder verschwindet.
Beschreibung der Kleidung.
Auftritt der 2. und 3. Person ( unterschiedliche Charaktere)
Beschreibung der Kleidung.
Sie verhalten sich entsprechend ihrem Charakter und sprechen auch in unterschiedlichem Stil.
Am Ende der Szene geht die 3. Person und die 1. Person erscheint wieder. Es kommt zu einer kurzen Aktion und einem Schlusssatz.

Vorbild: „Der Hausmeister“ von Harold Pinter

Beispiel

Die Alten von Ujjain

Personen:
Savitri, eine Frau, 70 Jahre
Krischna, der Ehemann, 80 Jahre
Ganesh, der Fahrer einer Fahrradrikscha und Musiker, 40 Jahre

Ort: ein Haus in einer ländlichen Mittelstadt Indiens

Zeit: ein heißer Nachmittag

1. Ort. Ein kleiner , hoch eingezäunter Vorgarten mit einem blühenden Strauch. Über der vergitterten Gartentür hängt eine gelbe Blumengirlande. Rechts ein kleiner Tisch. Dahinter ein vergittertes Fenster, links eine vergitterte Tür mit Scheiben aus Milchglas, die offen steht.

2. Ort. Blick in eine weiß getünchte Wohnung mit Steinfußboden, die durch einen Gang geteilt wird. Rechts ein Esszimmerchen mit einem kleinen Tisch. Links ein Besuchszimmer mit einfachen Eisenrohrmöbeln an den Wänden, einem Tischchen mit Fernsehapparat und drei Ventilatoren an der Decke. Die braunen Polster sind ohne Form. Keine Schränke. Ein Bild mit einer Wiese vor schneebedeckten Bergen.

1. Aktion. K. kommt von links hinten schwerfällig aus dem Schlafzimmer in einem langen weißen, typisch indischen Gewand mit einer dezenten Blumenstickerei an der Knopfleiste. Seine schwarzen Haare hängen etwas wirr in der Stirn. Er hinkt mit dem rechten Bein. In seiner linken Hand trägt er etwa 10 beschriebene Blätter. Er bleibt stehen, schaut hoch, zieht Stirn und Augenbrauen zusammen, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht, stellt einen Ventilator an und geht dann weiter nach rechts in einen Abstellraum.

2. Das Telefon auf dem Fernsehtisch klingelt mehrmals. Eine Tür schlägt zu und eine ältere Frau von kleiner Gestalt kommt mit schnellen Schritten von hinten herbei. Sie trägt eine Brille, einen roten Punkt zwischen den Augenbrauen, Ohrschmuck, eine einfache Halskette und einen dezenten, braun gemusterten Sari, der den Bauch unbedeckt lässt. Sie steht in der Tür, spricht nur wenige Sätze am Telefon und eilt dann schnell nach hinten in die Küche.

3. Man hört das Klingeln eines Fahrrades und eine Stimme.

Stimme: Hier ist es, das letzte Haus in der Straße.

Ganesh, der Fahrer, kommt von der Seite, putzt mit einem alten, schmutzigen Tuch den Schweiß von Stirn und Nacken. Er trägt ein graues T-Shirt und eine braune, lange Hose. Unter dem Arm hält er ein kleines Saiteninstrument.

Er bleibt am Tor stehen und versucht in die Wohnung zu schauen. Nach einiger Zeit ruft er: Mister, Mister.

K. kommt humpelnd aus dem Haus, öffnet das Tor, geht zwei Meter zurück. G. hält die Hände zum Gruß gefaltet vor der Brust und verneigt sich mehrmals.

K: Ja, komm, setz dich.

Er zeigt mit der Hand auf den kleinen Tisch vor dem Fenster. G. setzt sich zögernd mit gesenktem Kopf auf den Boden.

K: Sing mir das Lied von Cokhamela.

G. nickt: Gott Vishnu wird Sie segnen.

K. nimmt einen Stuhl und setzt sich in zwei Meter Entfernung mit dem Rücken zum singenden Musiker.

König der Könige, warum benachteiligst du manche!
Dein Verhalten verwundert mich.
Der eine hat eine Wohnung, wieder einer hat einen Thron,
der andere geht ohne Kleider herum.
Der eine hat Wurzeln zum Essen, wieder einer hat ein Festmahl,
der andere erhält kaum sein Bettelbrot.
Der eine besitzt Ruhm, wieder einer trägt den Titel eines Königs,
der andere bettelt von Haus zu Haus.

Solche Gerechtigkeit herrscht in Deinem Hause.
Cokha sagt: Der Herr ist mein Schicksal
.

Die Frau schaut durchs Fenster, schließt dann das Fenster und die Tür.

K. steht auf, legt ein Geldstück auf den Tisch und geht ins Haus.

Als der Sänger später gegangen ist, holt die Frau einen Eimer Wasser und beginnt den kleinen Tisch und den Boden vor dem Fenster zu reinigen, wo der Sänger gesessen hat.

K. kommt wieder mit einer Handvoll beschriebener Blätter.

S: Du bestellst den Musiker und gibst ihm Geld. Hast du schon den Brief an den Börsenmakler aufgesetzt?

K: Ich bin dabei.

K. steht steif in der Tür, während seine Frau redet und dabei immer wilder den Tisch und den Boden traktiert, bis sie schließlich in Tränen ausbricht.

S: Es ist zum Verzweifeln. Die ganze Erbschaft ist weg. 10 000 Rupies. Unser Schwiegersohn hatte fest mit unserer Hilfe gerechnet. Wie soll er allein sein Haus finanzieren. Wir können seiner Familie nicht mehr in die Augen schauen. Vielleicht trennt er sich wieder von unserer Tochter. Diese Schande. Dieses Unglück.

K. blättert in den Papieren, setzt sich an den gereinigten Tisch, zu seinen Füßen seine verzweifelte Frau. Er hat die Augen geschlossen und summt die Melodie des Sängers, besonders den Refrain:

Cokha sagt: Der Herr ist mein Schicksal.

(Werkstatttexte H.G.Neuenhofer)

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